Amphibienuntersuchung am Frießnitzer See 2010

Bearbeiter:
Dipl.-Ing. Christianna Serfling (Gesamtredaktion, Amphibienerfassung, Beprobung, Bewertung)
Dipl.-Biochem. Dietrich Berger (Phys.-chem. Untersuchung)
Florian Serfling (Amphibienerfassung, Beprobung)

BÖSCHA GmbH
Heinrich-Hertz-Straße 10
07629 Hermsdorf

>>In Auszügen<<

1 – Aufgabenstellung

Im sich westlich an den Frießnitzer See anschließenden großflächigen Sumpfgebiet befinden sich mehrere Standgewässer unterschiedlichen Charakters. Des weiteren wird dieses Gebiet von mehreren Gräben durchzogen. Dieser Gewässerkomplex sollte einerseits auf das Vorkommen von Amphibien und andererseits auf ausgewählte physikalisch-chemische Parameter untersucht werden. In der Zusammenschau der ermittelten Daten soll der Zustand des Untersuchungsbereiches diskutiert und bewertet werden.

2 – Methodik

2.1 – Amphibienerfassung
Für eine exakte Erfassung der Amphibienfauna sind mindestens 5 Begehungen notwendig, deren terminliche Festlegung und endgültige Anzahl durch den jeweiligen Witterungsverlauf bestimmt wird. Erstmalig sind die Gewässer im März/April zur Laichzeit der frühlaichenden Arten wie z.B. Grasfrosch, Moorfrosch, Erdkröte, Knoblauchkröte zu kontrollieren (hier sind mindestens zwei Exkursionen nötig, da sich die Laichzeiten von z.B. Grasfrosch und Erdkröte um mehrere Wochen unterscheiden können). Dann sollten 2 Begehungen Ende April bis Anfang Juni zur optimalen Erfassung der Molchbestände und für Aussagen zu den Wasserfröschen erfolgen. Eine Nachtexkursion muss im Mai oder Anfang Juni zur Ermittlung der vorwiegend oder ausschließlich nachts rufenden Arten (z.B. Laubfrosch) sowie zur Lichtbeobachtung des Kammmolches durchgeführt werden.

Zusätzlich wurde eine weitere Nachtexkursion Mitte April durchgeführt, um eventuelle Vorkommen der Knoblauchkröte sicher zu erfassen.

Zur quantitativen Erfassung des Amphibienlaiches wurden die Ufer der Gewässer und (soweit dies mit Wathosen möglich war) Flachwasserzonen begangen. Nachweise von Molchvorkommen wurden mit verschiedenen Methoden versucht: mittels Sicht (Balzverhalten, Atmung), durch Kescherfang (Adulte und Larven), Aufstellung von Trichter- bzw. Reusenfallen (Lebendfallen), Suche unter Steinen, Totholz, etc.

Zur Durchführung der Nachtexkursion wurde auf optimale Witterungsbedingungen geachtet.

Ein spezieller Nachweis des Reproduktionserfolges (Larven, Jungtiere) erfolgte nicht, Zufallsbeobachtungen wurden vermerkt.

Nicht näher bestimmte Tiere der Wasserfroschgruppe werden unter dem Oberbegriff „Wasserfrosch-Komplex“ angegeben. Die Bestimmung erfolgte überwiegend anhand des Rufes.

3.1.2 – Bewertung

Zusammenstellung der Amphibiennachweise im Untersuchungsgebiet, mit. Artenspektrum, Gefährdung und Schutzstatus.

Legende:
Ind.: Individuen
R: Rufer (rufende(s) Männchen)
Rep: Reproduktionsnachweis
B: Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG), § 7 Nr. 13 und 14
§§ – streng geschützte Art
§ – besonders geschützte Art
RLT: Rote Liste Thüringen (NÖLLERT et al. 2001)
RLD: Rote Liste Deutschland (BFN 2009)
FFH: Richtlinie 92/43/EWG des Rates zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der
wild leben¬den Tiere und Pflanzen vom 21.05.1992 – FFH-Richtlinie – Angabe des
Anhanges (II und/oder IV).

Kleiner Wasserfrosch (Pelophylax lessonae)
besiedelte Gewässer: 1
B: §§
RLT: G
RLD: G
FFH: IV

Grasfrosch (Rana temporaria)
besiedelte Gewässer: 1
B: §
RLT: V
© Foto: Leo/fokus-natur.de

Erdkröte (Bufo bufo)
besiedelte Gewässer: 5
B: §
© Foto: Leo/fokus-natur.de

Teichfrosch (Pelophylax esculentus)
besiedelte Gewässer: 5
B: §

Moorfrosch (Rana arvalis)
besiedelte Gewässer: 1
B: §§
RLT: 2
RLD: 3
FFH: IV
© Foto: Leo/fokus-natur.de

Knoblauchkröte (Pelobates fuscus)
besiedelte Gewässer: 1
B: §§
RLT: 3
RLD: 3
FFH: IV
© Foto: Leo/fokus-natur.de

Teichmolch (Triturus vulgaris) – Oberseite
besiedelte Gewässer: 2
© Fotos: Lutz Wolfram/
Nabu Gera-Greiz e.V.

Teichmolch (Triturus vulgaris) – Unterseite
© Fotos: Lutz Wolfram/
Nabu Gera-Greiz e.V.

Es konnten im Untersuchungsgebiet insgesamt 7 Amphibienarten nachgewiesen werden, davon 3 streng geschützte Arten des Anhangs IV der FFH-RL und mit dem Grasfrosch eine in Thüringen auf der Vorwarnliste verzeichnete Art. Dieser relativ hohen Zahl an Arten steht jedoch eine generelle Individuenarmut gegenüber. Lediglich die Erdkröte und der Teichmolch konnten jeweils in Gewässer Nr. 7 zumindest mittlere Bestände aufbauen. Bezeichnend ist hierbei, dass dieses Gewässer vom Typ her völlig aus dem Rahmen fällt – es ist der einzige (untersuchte) bewirtschaftete Fischteich des Gebietes. Des weiteren kommt die überwiegende Zahl der Amphibienarten nur an einem bzw. an zwei Gewässern vor. Ausnahmen sind Teichfrosch und Erdkröte, die beide an 5 Gewässern nachgewiesen wurden. Auffällig ist ebenfalls, dass in keinem einzigen Falle ein Larvennachweis gelang. Auch wenn nicht speziell danach gesucht wurde, fallen normalerweise die schwarmbildenden Erdkrötenkaulquappen ins Auge bzw. werden in den Lebendfallen oft Larvenbeifänge gefunden. Selbst unter der Berücksichtigung des extrem schwierigen Geländes und der Bearbeitungsprobleme erscheint dieser Befund als ungünstiges Indiz.

Bereits bei der Suche nach dem Kammmolch im FFH-Gebiet „NSG Frießnitzer See – Struth“ im Jahre 2003 wurde sowohl im Frießnitzer See als auch in den Gewässern 3 und 5 eine erstaunliche Armut an Amphibien festgestellt (Serfling & Höpstein 2003). Bei den im Auftrag der TLUG durchgeführten diesjährigen Untersuchungen zur Knoblauchkröte in Thüringen wurde im Bereich Großebersdorf – Frießnitz – Burkersdorf ein thüringenweit bedeutsamer Schwerpunkt der Art nachgewiesen. Die Knoblauchkröte besiedelt hier nahezu jedes halbwegs geeignete Gewässer, meidet jedoch weitgehend den vorliegend betrachteten Untersuchungsraum.

4. Zusammenfassende Diskussion und Bewertung der Ergebnisse

Die festgestellte Individuenarmut an Amphibien (siehe Abschnitt 3.1.2.) kann mehrere Ursachen haben, die folgend diskutiert werden sollen. Als erstes soll die nach den Ergebnissen der phys.-chem. Untersuchungen nahe liegende mögliche Ursache „schlechter Gewässerzustand“ beleuchtet werden. Hierbei muss gleich vorweg einschränkend bemerkt werden, dass praktisch anwendbare klare Grenzwerte zur Beurteilung der Situation fehlen. Die wenigen Angaben in der Literatur sind relativ allgemein gehalten oder bewegen sich in großen Schwankungsbreiten. Als Beispiel soll der Moorfrosch (Rana arvalis) dienen. Glandt (2006b) stellt zusammenfassend den Wissensstand zu dieser Thematik dar, der sich aus nur wenigen Untersuchungen zusammensetzt. Bestimmt wurden v.a. pH-Wert, Gesamthärte und elektrische Leitfähigkeit – also überwiegend Summenparameter, die nur eine sehr grobe Einschätzung der chemisch-physikalischen Eigenschaften der Laichgewässer zulassen. Nimmt man den pH-Wert als Größe, die auch von uns erhoben wurde, zeigt sich folgendes Bild: In den Donau-Auen nordwestlich von Wien kommt der Moorfrosch niemals in moorigen, also sauren Wässern vor, sondern vielmehr in etwas alkalischen. Es wird ein pH-Wert von 9 genannt. In den Venngebieten der östlichen Niederlande wurden dagegen Werte zwischen 3,7 und 6,3, im Westmünsterland zwischen 3,5 und 6,1, aber auch für ein Gewässer 8,7 angegeben. Die Gewässer im NSG Fürstenkuhle im Kreis Borken (Hauptuntersuchungs-gebiet des Biologischen Instituts Metelen) wiesen eine Spanne von 3,0 bis 8,1 (Mittelwerte zwischen 3,8 und 5,9) auf. Der Trend zu eher sauren Gewässern ist damit augenfällig – aber die Ausnahmen bestätigen die Regel. Zu diesem hier beispielhaft angeführten Bewertungs-problem einzelner Parameter kommt in noch viel stärkerem Maße hinzu, dass in dem komplexen Gewässerökosystem kein Parameter vom anderen isoliert betrachtet werden kann. Die „Tragik“ solcher unter strengen Laborbedingungen durchgeführten isolierten Betrachtungen zeigt das Beispiel des Herbizids Roundup. Nicht die auf Amphibien-schädlichkeit geprüften eigentlichen Wirkstoffe, sondern bisher nicht deklarationspflichtige Netzungsmittel wie z.B. Tallowamin schädigen im Zusammenspiel mit anderen Stressfaktoren wie Fressfeinden oder weiteren Chemikalien Amphibien (Blanke 2009). Dieses Beispiel verdeutlicht die komplizierte Situation, dass die jeweilige Kombination der verschiedenen Stoffe und weiterer Umweltfaktoren potenzielle Schadwirkungen verstärken oder aber auch vermindern können. Scharf gezogene „Grenzwerte“ sind daher aufgrund der allgemeinen Kenntnisdefizite nicht nur nicht vorhanden, sondern letztlich auch unmöglich. Alle folgenden Ausführungen stehen ganz ausdrücklich unter diesem Vorbehalt.

Generell gilt, dass polytrophe (hypertrophe) Gewässer mit Faulschlammboden meist amphibienfrei sind. Eventuell kommen noch Teichfrosch, Teich- und Kammmolch vor (Glandt 2006a). Faulschlämme wurden (Sicht, Geruch) außer im Fischteich Nr. 7 in allen Standgewässern vorgefunden, wobei auch im eutrophen Milieu zwar der Obenboden oxidiert ist, der Unterboden jedoch reduzierte Verhältnisse aufweist und beim Hereintreten Faulgase frei werden können. Eine detaillierte Unterscheidung, ob der Oberboden noch oxidiert oder bereits reduziert ist, war im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nicht möglich.

Betrachtet man nun einzelne Parameter, so sind aufgrund des wirtschaftlichen Interesses Richt- und Grenzwerte für Fische vorhanden. Mit gewissen Einschränkungen können diese Richtwerte (v.a. für Jungfische) auf Amphibienlarven übertragen werden. Die „Qualitätsanforderungen an Süßwasser für Fische“ (EU D 2.4.2.1) geben als Richtwert für den Nitrit-Gehalt von Cypriniden-Gewässern kleiner/gleich 0,03 mg/l an. Für Jungfische geht man davon aus, dass ab einem Gehalt von 0,1 mg/l Nitrit Schädigungen durch die Beeinträchtigung des Sauerstofftransportes auftreten. Derartige Werte wurden bei den Gewässern Nr. 1, 5, 6 und 8 gemessen. Da Nitrit nur ein instabiles Zwischenprodukt im Stickstoffkreislauf darstellt, ist es in etwas größeren Gewässern den Fischen möglich, aus Zonen mit gefährlich hohen Konzentrationen zu fliehen. Inwieweit Amphibienlarven dies tun (können), sei dahingestellt. Sicherlich gibt es hier je nach dem Verhaltensmuster der Larven Unterschiede. Eigene Beobachtungen beim Moorfrosch zeigten, dass sich im Bereich der Laichplätze oft auch die Larven aufhielten und dort die frisch metamorphosierten Jungfrösche das Wasser verließen. Es wurde also nur ein eng begrenzter Bereich des Laichgewässers tatsächlich genutzt.

Für die Ammoniumgehalte nennt die EU-Richtlinie für Cyprinidengewässer einen Richtwert von kleiner/gleich 0,2 mg/l und gibt auch einen sogenannten imperativen Wert an, der bei 1 mg/l liegt. Der Richtwert wird außer bei Gewässer Nr. 10 überall im UG eingehalten. Das Problem ist, dass trotz dieser erst einmal positiv klingenden Einschätzung bei pH-Werten über 8 bereits Ammoniumgehalte >0,1 mg/l kritisch werden können, da dann die Ammoniak-Bildung einsetzt. Ammoniak ist ein starkes Fischgift und dürfte über die gleichen Mechanismen wie bei den Fischen auch auf Amphibienlarven wirken. Das gleichzeitige Auftreten von Ammoniumwerten >0,1 mg/l mit pH-Werten >8 wurde bei den Gewässern 5, 6, 7, 8 und 9 nachgewiesen. Bei den Gewässern 1, 3 und 10 kann es als Zufall angesehen werden, dass keine derartige Kombination bei den Messungen aufgetreten ist. Die erhöhten Ammoniumgehalte und die Potenz zu pH-Werten deutlich über 8,0 sind vorhanden. Ähnlich wie beim Nitrit ist es auch bei der Ammoniakbildung so, dass, abgesehen von Extremfällen, kritische Konzentrationen bei größeren Gewässern nicht überall gleichzeitig auftreten werden. Dass eventuell jedoch auch Fische den genannten Prozessen zum Opfer fallen, ist aufgrund der relativ zahlreichen Sichtungen von toten Tieren nicht unwahrscheinlich.

Hohe Sulfatgehalte befördern des weiteren die Entstehung von Schwefelwasserstoff, der sowohl die Flora als auch die Fauna eines Gewässers vergiften kann. Besonders gravierend ist die Wirkung bei Eisbedeckung im Winter, wenn das giftige Gas nicht entweichen kann. Das völlige Fehlen von (Submers-)Vegetation in großen Bereichen der untersuchten Gewässer könnte (auch) hiermit zusammenhängen.

Insgesamt ist festzustellen, dass sich der Zustand der Gewässer im UG eindeutig ungünstig für Amphibien darstellt. Hinzu kommen weitere potenzielle Gefährdungsursachen. Eine davon sind die Fische in den Gewässern. Bei vielen Fischarten wurde die Prädation von Kaulquappen nachgewiesen. Das Erbeuten von Amphibienlarven beschränkt sich keinesfalls auf die sogenannten „Raubfische“, sondern ist auch bei Allesfressern und Pflanzenfressern verbreitet. Bereits bei den Kammmolchuntersuchungen (Serfling & Höpstein 2003) wurden im Gewässer Nr. 3 Dreistachlige Stichlinge nachgewiesen. Bei den aktuellen Erfassungen wurden in allen Standgewässern Fische gefunden, in 4 davon der Dreistachlige Stichling. Er frisst z.B. Larven des Grasfrosches, des Wasserfrosch-Komplexes, aber meidet Erdkrötenlarven. Der vermutlich vorhandene Karpfen (Sichtbeobachtung größerer Fische, ohne die Artzugehörigkeit deutlich erkennen zu können) nutzt u.a. die Larven von Teichfrosch, Grasfrosch, Teich- und Bergmolch, seltener Erdkrötenlarven. (Laufer, Klemens & Sowig 2007)

Ungünstig für Amphibien sind des weiteren die extrem dichten und hohen Vegetationsbestände in großen Teilen des UG (siehe hierzu auch die Fotodokumentation im Anhang). Derartige Bestände sind als Sommerlebensraum ungeeignet und bilden auch ein Wanderungshindernis. Trotz des gezwungenermaßen intensiven (und leidvollen …) Herum-streifens innerhalb dieser schwer begehbaren Bereiche konnte hier nie ein Lurch gefunden werden. Die durch Mahd bzw. Pferdebeweidung genutzten, z.T. feuchten Wiesen beidseitig des Gebietes würden sich dagegen als Amphibienlebensräume gut eignen. Hier konnte auch ein semiadulter Grasfrosch nachgewiesen werden.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich das Untersuchungsgebiet insgesamt nur wenig für Amphibien eignet. Hauptursache dürfte der schlechte Gewässerzustand sein, wobei die Anwesenheit von Fischen sowie die in großen Teilen ungünstigen Vegetationsverhältnisse (extrem hoch und dicht) ebenfalls eine Rolle spielen.

Verbessernde Maßnahmen werden aufgrund des erheblichen Aufwandes (es müsste letztlich das gesamte, hoch eutrophierte Feuchtgebiet westlich des Frießnitzer Sees saniert werden) und der nicht vorhandenen Nachhaltigkeit (weiterer Eintrag von Nährstoffen aus den zufließenden Bächen sowie den umliegenden landwirtschaftlichen Intensiväckern) als nicht empfehlenswert angesehen.