Zoologische Erfolgskontrollen auf Wilden Weiden in Thüringen
Erstaufnahme der Zikaden im Esperstedter Ried und Vergleich der Wasserbüffelweide und der Mähwiesen am Frießnitzer See, mit Bemerkungen zu den Vögeln und Heuschrecken

Bearbeiter: Herbert Nickel

>>In Auszügen (nur Naturschutzgebiet „Frießnitzer See – Struth“) <<

Zusammenfassung

Im Jahr 2017 wurde in den Naturschutzgebieten Esperstedter Ried (Kyffhäuserkreis) und Frießnitzer See – Struth (Landkreis Greiz) die Zikadenfauna untersucht. Am Frießnitzer See lag der Schwerpunkt auf einer Erfolgskontrolle, um den Einfluss der dort 2014 etablierten ganz-jährigen Extensivweide mit Wasserbüffeln auf die Zikadengemeinschaften zu überprüfen und um sie mit den Gemeinschaften der umliegenden Pflegemahdwiesen zu vergleichen.
Untersucht wurden in Frießnitz 12 Transekte, davon 6 auf der Büffelweide und 6 auf den umliegenden Mähwiesen. Stichprobenartig wurden außerdem in Frießnitz noch 3 weitere Feuchtgebiete untersucht sowie in beiden Gebieten nichtquantitativ Randstrukturen und Gehölze. Als Nebenbeobachtungen wurden außerdem die Heuschrecken auf den Trasekten miterfasst und die Vögel notiert.
Im Frießnitzer Untersuchungsgebiet wurden insgesamt 125 Zikadenarten in 10.266 Individuen gefunden. Davon kamen auf den 12 Transekten 62 Arten in 9.720 Individuen vor. Nach Betrachtung fast aller naturschutzfachlicher Parameter der Zikadenfauna, u.a. Dominanz, Gesamtartenzahl, mittlere Artenzahl pro Transekt, Anzahl der Rote-Liste-Arten (insgesamt und im Mittel) und Differenzialarten, erweist sich die extensive Büffelbeweidung als die mit Abstand günstigste Pflegevariante im Vergleich mit den Mähwiesen und den Esperstedter Mähweiden, die beide deutlich verarmte Zikadengemeinschaften aufwiesen, in denen besonders die gefährdeten und spezialisierten und somit für den Naturschutz wertvollen Arten reduziert waren.
Als Besonderheiten im Frießnitzer Gebiet wurden u.a. folgende Arten festgestellt: Paralimnus lugens (Horv.), die Kaspische Schilfzirpe (Zweitfund für Thüringen, 3. Fund für Deutsch-land, Rote Liste 1 Deutschland; Deutschland trägt für die isolierten westlichen Vorposten dieser Art Verantwortung), Parapotes reticulatus (Horv.), die Scherenzirpe (RL 1 Thüringen, RL 1 Deutschland, eine in ganz Westeuropa verschwindende Art nährstoffarmer Gewässerufer), Delphacodes capnodes (Scott), die Weißlippen-Spornzikade (RL 1 Thüringen, RL 2 Deutschland; ein seltener Moorbesiedler), Cosmotettix caudatus (Fl.), die Diademzirpe (5. Fund für Thüringen, RL 2 Deutschland, RL 2 Thüringen, eine seltene, in ganz Mitteleuropa stark zurückgehende Art der extensiven Feuchtweiden), Paraliburnia clypealis (J. Shlb.), die Braune Sporn-zikade (Neufund für Thüringen, RL 2 Deutschland, ein in Mitteleuropa v.a. auf die Norddeutsche Tiefebene beschränkter Zwischen- und Niedermoorbesiedler).
Auch bei den Heuschrecken (die außerhalb des Vertragsrahmens mituntersucht wurden) schnitt die Frießnitzer Büffelweide deutlich besser ab als die Mähwiesen.
Bei den Vögeln (die ebenfalls nicht Vertragsgegenstand waren) auf der Frießnitzer Büffelweide wurden im Rahmen von Nebenbeobachtungen ein überfliegender Schwarzstorch, zwei rastende Weißstörche und – als große Besonderheit – eine zur Brutzeit aufgescheuchte Kleinralle, wahrscheinlich ein Zwergsumpfhuhn, notiert. Diese Art und das Kleine Sumpfhuhn, das als einzige Art als Alternative in Betracht käme, wurden seit über 100 Jahren nicht mehr in Thüringen als Brutvogel nachgewiesen.
In der Summe ist der Erhaltungszustand auf der Frießnitzer Büffelweide aus zoologischer Hinsicht schon nach 3 Jahren Beweidung in einer 6-stufigen Skala als sehr gut (1) zu bezeichnen, auf den Frießnitzer Mähwiesen als mangelhaft (5). Die Büffelweiden zeigen einmal mehr das enorme Potential für die Tierwelt, wenn (und nur wenn!) die Beweidung naturschutzgerecht praktiziert wird (kein Umtrieb, geringer Besatz, robuste Rassen bzw. Arten, ganzjährige Freilandhaltung, keine prophylaktische Entwurmung). Die hier vorgelegten Ergebnisse sprechen für eine Ausweitung der Beweidung in dieser Form.
Auch im botanischen Artenschutz sollten die Vorteile der großen Weidetiere wieder stärker in den Fokus rücken, da der schlechte Erhaltungszustand vieler Lebensräume heute auch mit der nicht mehr vorhandenen Schaffung von Keimungsstellen, der fehlenden Zoochorie und der durch die Mahd bedingten Homogenität der Wiesen im Zusammenhang steht.

1. Einleitung

Vor dem Hintergrund des allgemeinen Biodiversitätsschwundes, wie er jüngst wieder eindrucksvoll dokumentiert wurde (z.B. Hallmann et al. 2017, NABU 2017) muss sich auch der Naturschutz fragen, ob die gängigen Konzepte für die Herstellung des günstigen Erhaltungszustandes vieler Lebensräume effizient sind. Laut einer Studie des BMUB (2015) hat sich der Indikatorwert „Erhaltungszustand der FFH-Lebensräume und FFH-Arten“ allein im Zeitraum 2007 bis 2013 um 4 % verschlechtert.
In Thüringen und auch in einigen anderen Bundesländern wird in den vergangenen Jahren in zunehmendem Maße ein integriertes Konzept der großflächigen, naturnahen Ganzjahresbeweidung propagiert und auch schon praktiziert. Ziel ist es, neben der Verbesserung des Erhaltungszustandes von Lebensraumtypen, Belange des Schutzes von Natur, Biodiversität, Landschaft, Boden und Klima, eine nachhaltige Landbewirtschaftung, den Hochwasserschutz, die Förderung des Tourismus und die Gewinnung hochwertigen Fleisches auf einer soliden wirtschaftlichen Basis für den Landwirt miteinander zu vereinbaren. Weitere potentielle Vorteile eines solchen Konzeptes bestehen in der Steigerung des Erholungswertes der Landschaft und dem Erhalt von alten und z.T. seltenen Haustierrassen, die zugleich weniger Arbeits- und Investitionsaufwand erfordern. Entscheidend ist dabei, dass die Beweidung über das ganze Jahr hindurch erfolgt, die Tiere also auch im Winter auf der Weide stehen, und die Besatzdichte nur gering ist (0,3 – 0,6 GVE/ha), wodurch quasi als dynamischer Dauerklimax eine halboffene Weidelandschaft mit einer hohen strukturellen und biotischen Diversität entsteht, wie sie ansonsten in der verarmten Normallandschaft fehlt (Vera 2000; Reisinger 2004; Reisinger & Lange 2005; Bunzel-Drüke et al. 2008, 2015).
Im Rahmen von biologischen Effizienzkontrollen für derartige Weiden wurden bisher allerdings meist nur wenige exemplarische Organismengruppen untersucht, die bei Weitem nicht die gesamte Spannbreite der trophischen Ebenen und ökologischen Funktionen eines Ökosystems repräsentieren. Einige Untersuchungen liegen vor zur Vegetation und zur Vogelwelt, hingegen tritt die entomologische Seite generell zurück. Zwar wurden in Thüringen bisher Tagfalter und Heuschrecken herangezogen (Reisinger & Liepelt 2005). Besonders die Tagfalter fliegen jedoch weit umher, und die Heuschrecken treten oft nur in geringen Artenzahlen auf. Um das Aussagespektrum von Effizienzkontrollen zu verbreitern, werden in den vergangenen Jahren verstärkt die Zikaden untersucht. Dafür sprechen folgende Tatsachen:

  • Neben den Pflanzen und Spinnen sind die Zikaden eine der ganz wenigen Gruppen, die nahezu flächendeckend in allen Landlebensräumen vorkommen und zugleich praktikabel zu untersuchen sind. Besonders im Grasland kommen sie in hoher Artenzahl und Dichte vor. Allein in Deutschland leben rund 320 Arten in grasdominierten Lebensräumen, mit bis über 50 Arten pro Standort und bis über 1.000, in Ausnahmefällen sogar bis über 5.000 Individuen pro Quadratmeter (Waloff 1980, Nickel & Achtziger 1999, Nickel et al. 2002, Nickel 2003, Biedermann et al. (2005), Achtziger et al. (2014).
  • Eine zweite besondere Eigenschaft der Zikaden ist ihre Flächenschärfe, also ihre kleinsträumige Standorttreue: Da viele Arten kurzflügelig sind, verlassen sie während ihres gesamten Lebenszyklus kaum das unmittelbare Umfeld ihres Schlupfortes, oft sogar kaum das Wirtspflanzenindividuum, und können so den Pflegemaßnahmen nicht entkommen. Zwar gibt es auch langflügelige und mobile Pionierarten, doch sind diese als Störungsindikatoren bekannt und als solche auch separat auswertbar (Achtziger et al. 2014; Nickel & Achtziger 1999, 2005; Nickel & Hildebrandt 2003).
  • Die Zikaden nehmen eine wichtige Position und Funktion im Ökosystem ein und sind mit vielen anderen Gruppen über trophische Beziehungen verbunden. Als Konsumenten pflanzlicher Biomasse, Beuteorganismen für andere Wirbellose (u.a. räuberische Käfer, Ameisen, Spinnen), Parasitoide, Wirbeltiere (Vögel, Fledermäuse, Amphibien, Reptilien, insbesondere auch deren wenig erforschte Juvenilstadien!) üben sie potentiell einen großen Einfluss auf die Vegetation und andere Systemkomponenten aus. Weniger bekannt in natürlichen Systemen ist ihre Rolle als Überträger von Pflanzenkrankheiten (z.B. Mykoplasmen, Pilze) und als Honigtauproduzenten sowie weitere indirekte Effekte, z.B. Entlastung der Nichtwirtspflanzen von Konkurrenz durch die von Zikaden geschädigten (zumeist dominanten) Wirtspflanzen (Nickel 2003, 2008).
  • Die Diversität von Zikaden ist positiv korreliert mit der Diversität vieler anderer Organismengruppen wie z.B. Pflanzen, Tagfalter, Heuschrecken und Wanzen (Achtziger et al. 1999), ebenso mit der strukturellen Diversität des Lebensraums (Andrzejewska 1965; Morris 1971, 1973).
  • Zikaden reagieren stark und häufig auch unmittelbar auf Änderungen des Bewirtschaftungsregimes und anderer Faktoren (Andrzejewska 1991, Morris 1981, Morris & Plant 1983, Bucher et al. 2016, Nickel et al. 2016b).
  • Zikaden verfolgen spezifische Lebensstrategien und besetzen ebenso spezifische räumliche und zeitliche Nischen. Hinsichtlich ihrer Lebensstrategien reicht das Spektrum von ausgesprochen polyphagen und auch über weite Strecken mobilen Pionierarten mit zwei oder mehreren Generationen pro Jahr bis hin zu monophagen, weitgehend standorttreuen Spezialisten mit nur einer oder sogar nur einer halben Generation. Eine höhere Artenzahl und ein höherer Anteil der letzteren sind generell mit einer höheren naturschutzfachlichen Wertigkeit verbunden (Nickel & Achtziger 2005, Nickel & Hildebrandt 2003, Nickel 2003).
  • Auch auf Sonderstandorten wie Salzwiesen (auch im Binnenland), Sanddünen, Moore, Steppenrasen, Extensivweiden u.v.m. sind Zikaden mit spezifischen Artengarnituren vertreten, deren Auftreten und Vollständigkeitsgrad hervorragend für die Evaluierung von Schutzgebieten und der dort durchgeführten Pflegemaßnahmen geeignet sind (Biedermann et al. 2005, Achtziger 2014, Nickel et al. 2002, Nickel 2003).
  • Zikaden sind schnell und mit vergleichsweise geringem Aufwand innerhalb von zwei oder idealerweise drei Begehungen in einer Saison standardisiert erfassbar (z.B. Stewart 2002) und können mit neuen Schlüsseln (Biedermann & Niedringhaus 2004, Holzinger et al. 2003, Kunz et al. 2011) zuverlässig bestimmt werden. Dies gilt seit kurzem sogar für ihre Larven (Stöckmann et al. 2013), die in Freilandfängen oftmals einen sehr hohen Anteil am Gesamtfang ausmachen und bis dahin weitgehend unbearbeitet bleiben mussten.
  • Das Wissen über die Biologie der mitteleuropäischen Arten, insbesondere über ihre Wirtspflanzenbindungen und Feuchte- und Lichtansprüche sowie ihre Verbreitung ist inzwischen umfassend dokumentiert (Schiemenz 1987, 1988, 1990; Schiemenz et al. 1996; Nickel & Achtziger 1999, Nickel 2003) und steht für ökologische und naturschutzfachliche Analysen zur Verfügung. Ebenso liegen aktuelle Rote Listen für Thüringen und Deutschland vor (Nickel & Sander 2011, Nickel et al. 2016a).
  • Speziell Standorte auf Auengrasland und in Flachlandmähwiesen sind in Mitteleuropa gut auf ihre Zikadenfauna hin untersucht und es liegen ausführliche Bearbeitungen zahlreicher Gebiete vor (z.B. Rothenbücher & Schaefer 2005, 2006; Nickel & Achtziger 2005; Nickel & Hildebrandt 2003; Nickel et al. 2016b; Walter & Nickel 2009).

In früheren Untersuchungen wurde bereits getestet, ob und wie stark die Zikaden auf Düngung (Andrzejewska 1976, Morris 1991), Mahdschnitt (Morris 1981), Verschiebung des Schnittzeitpunktes, Verringerung der Schnitthäufigkeit (Achtziger et al. 1999, Nickel & Achtziger 2005) sowie Beweidung durch Rinder (Bucher et al. 2016, Nickel & Hildebrandt 2003, Nickel et al. 2016b) und Schafe (Morris 1971, 1973) und Verbrachung (Morris & Plant 1983, Rothenbücher & Schaefer 2005, Nickel et al. 2016b) reagieren. Generell wurde ein negativer Zusammenhang zwischen Nutzungsintensität und Artenzahl gefunden, wobei aber verschiedene Gruppen unterschiedliche Reaktionen zeigten. Nicht untersucht waren bisher die Zikaden auf Wasserbüffelweiden; für diese Fragestellung ist die hier vorgelegte Studie sogar die allererste weltweit.
Im hier untersuchten Gebiet mit seiner herausragenden Bedeutung für den ornithologischen Artenschutz in Thüringen und weit darüber hinaus und seinem großen Entwicklungspotential auch für die Insektenfauna (u.a. als Nahrungsbasis für die Vögel) boten sich daher vor dem Hintergrund dieser Eignung der Zikaden und der wechselvollen Nutzungsgeschichte folgende Fragestellungen an:

(i) Ist in Zeiten des aktuellen Insektenschwundes (Hallmann et al. 2017) die Pflegemahd in ihren verschiedenen Formen noch geeignet, um arten- und individuenreiche Insektengemeinschaften, die auch Nahrungsbasis sind u.a. für Vögel, Fledermäuse, Reptilien und Amphibien, zu erhalten und zu fördern?

(ii) Kann die Nutzungsumstellung auf extensive und ganzjährige Beweidung mit Wasserbüffeln auf feuchten bis nassen Flächen zu einer Zunahme der Artenzahl von Insekten führen, und wie wird die Struktur dieser neuen Gemeinschaften aussehen?

(iii) Sind neben der Beweidung weitere Maßnahmen bzw. Nutzungsänderungen zu diskutieren, um die Artenvielfalt der Insekten zu erhöhen?

2. Untersuchungsgebiete

2.2 Wasserbüffelweide und Mähwiesen am Frießnitzer See

2.2.1 Allgemeines

Das Untersuchungsgebiet liegt im Landkreis Greiz und gehört zu einem größeren Feuchtgebiet um den Frießnitzer See und in der angrenzenden Struthbachniederung, von dem wiederum ein großer Teil (355 ha) dem NSG Nr. 345 und FFH-Gebiet 146 „Frießnitzer See – Struth“ (Ausweisung am 12.12.1995) angehört, welches im Westen bis in den Saale-Orla-Kreis reicht und vollständig im EG-Vogelschutzgebiet Nr. 40 liegt. Sein Schutzzweck ist die Erhaltung eines Komplexes aus Feucht-, Grünland- und Waldbiotopen mit artenreicher Flora, Vogel-, Herpeto- und Insektenfauna. Naturräumlich gesehen liegt es am Südostrand der Saale-Sandstein-platte (2.6) im Auslaugungsbereich des Zechsteins, in der Untereinheit Frießnitz-Pöllnitzer Senke, einer weitgehend unbewaldeten Offenlandschaft (Wenzel et al. 2012).
Der Frießnitzer See und seine unmittelbare Umgebung, die die Kernfläche der hier vorgelegten Studie bilden, liegen auf 305 m ü.NN. Der See selbst ist ein anthropogener Teich, der durch den Aufstau des Struthbaches entstanden ist und der umgeben ist von Röhrichten und Seggenrieden, Quellbereichen, Flachmooren sowie Feucht- und Nasswiesen. Im Stauwurzelbereich des Sees liegen mehrere wassergefüllte Torfstiche. Den geologischen Untergrund bildet der Untere Buntsandstein, vorherrschende Bodenart ist schluffiger Lehm, kleinflächig kommen auch Niedermoorböden vor. Sänger (2011) legte im Rahmen eines Gutachtens umfangreiche Vegetationsaufnahmen, v.a. zu den verschiedenen Seggengesellschaften vor und fasste weitere Informationen zum Gebiet zusammen.
In den Jahren 2010 und 2011 wurden der acht Hektar große Frießnitzer See und anliegende Flächen, zusammen über 22 Hektar, von der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe gekauft. Die Betreuung erfolgt seitdem in Kooperation mit dem NABU-Kreisverband Gera-Greiz. Der größte Teil des angrenzenden Grünlandes ist infolge intensiver Nutzung artenarm. Nach dem Flächenkauf müssen nun geeignete Pflegemaßnahmen unternommen werden, um die Situation des Feuchtgebietes als Lebensraum für die heimische Tier- und Pflanzenwelt zu verbessern. Eine Renaturierung des Bachlaufes ist vorgesehen und Teile des Grünlandes und der Feuchtgebiete werden inzwischen bereits als extensive Ganzjahresweide genutzt. Seit 2014 wird extensiv mit Wasserbüffeln beweidet. (Wenzel et al. 2012, Sänger 2011, Nabu Thüringen 2017).
Die Nutzungsgeschichte seit der politischen Wende ist wechselvoll. Im Winter 1995 wurde die Feuchtfläche im Kerngebiet noch durch die Untere Naturschutzbehörde gemäht. Spätere Mähversuche durch die Ostthüringer Wasser und Abwasser GmbH im Sommer scheiterten meist an der Nässe. So wurden 1998 – 2006 auf einer 3,2 ha großen Teilfläche der heutigen Büffelweide Pommersche Landschafe eingesetzt. Von 2009 bis 2013 wurden dann ca. 14 ha mit Exmoor-Ponys und zeitweise zusätzlich 2 Rindern beweidet. Im Winter erwies sich das als erfolgreicher als im Sommer, weil die Tierdichte zu gering war und daher die nassen Flächen gemieden wurden. So kamen ab Juni 2014 sechs und später noch drei weitere Wasserbüffel auf das Gebiet, wobei am Jahresende die ersten Kälber geboren wurden (Andreas Martius, persönliche Mitteilung). Zu Beginn der Untersuchung im Frühjahr standen 18 Tiere (einschl. Bulle) auf, darunter jedoch einige vorjährige Kälber. Im Spätsommer wurden 5 Kälber geboren (Norbert Strache, persönliche Mitteilung).

2.2.2 Beschreibung der beprobten Transekte

Für die Festlegung gilt das in Kap. 2.1.2 Gesagte, nur handelte es sich hier um insgesamt 12 Transekte, 6 innerhalb der schon bestehenden Weide und 6 außerhalb auf den umliegenden Mähwiesen, welche als Referenz herangezogen wurden.

T1: Von den Büffeln stärker zurückgefressenes Schilfröhricht, welches zu allen drei Terminen komplett trockenen Fußes betreten werden konnte. Dazwischen weitere Hochgräser und Hochstauden. Insgesamt sehr lückige Vegetationsstruktur, zwischen den Büffelpfaden sind stehengelassene Streifen und Inseln, die weniger befressen sind. Vegetationshöhe 10 – 200 cm. Deckungsgrad 80 – 100 %. Eingestreute Dunghaufen.

T2: Zeitweise überflutete Senke mit einem mesotrophen, sehr schön strukturierten Bultseggenried im Zentrum, welches in eine eutrophere Feuchtweide übergeht. Das Ried selbst ist im Juni noch wenig befressen, im August jedoch deutlich stärker. Randbereiche ebenfalls stärker befressen. Vegetationshöhe 10 – 120 cm. Deckungsgrad 80 – 100 %.

T3: Großseggenried auf nassem Standort, das von den Büffeln derzeit stark strukturiert wird. Wechselnde Dominanz von Schlank-, Schnabel- und Zweizeiliger Segge, dazu eingestreute Hochstauden und Hochgras. Vegetationshöhe 10 – 120 cm. Deckungsgrad 80 – 100 %.

T4: Sumpfiger, relativ eutropher und reich strukturierter, von den Büffeln stellenweise stärker begangener und befressener Übergangsbereich zwischen einem Tümpelufer und einer Nassweide, mit Schilfröhricht, Flecken von Rohr-Glanzgras und Binsenhorsten, dazwischen mit kurzgefressen rasenartigen Bereichen, und dazwischen sehr sehr sumpfig. Vegetations-höhe 5- über 200 cm. Deckungsgrad 60-100 %.

T5: Nasser und mäßig eutropher Übergangsbereich von einem hochwüchsigen Großseggenried zu einem teils vegetationsarmen Tümpelufer mit Pioniervegetation, am Rande mit Rohrkolben und Rispenseggen-Horsten. Die Großseggen von den Büffeln nur wenig, das Tümpelufer stärker betreten und befressen. Vegetationshöhe 20 – 120 cm. Deckungsgrad 60-100 %.

T6: Nasser und mäßig eutropher, teils reicher strukturierter Übergangsbereich von einem hochwüchsigen Großseggenried in einen wohl permanent überfluteten Rohrkolben- und Teichsimsenbestand. Der unmittelbare Rand der Weide entlang des Zaunes ist stärker von den Büffeln betreten und befressen, der übrige Teil weniger. Vegetationshöhe 10 – 180 cm. Deckungsgrad 80-100 %.

T7: Mähwiese etwas nördlich der Weide, auf einem leicht ansteigenden Hang gelegen, im unteren Bereich dauernass, dort reicht ein Schlankseggen-Ried von der Weide herüber, im oberen frisch, mit typischer Magerwiese. Im Spätsommer war die Fläche ganz kurz gemäht, auf 10 – 20 cm. Vegetationshöhe 20 – 60 cm. Deckungsgrad 90 – 100 %.

T8: Krautreiche Magerwiese, die seit einigen Jahren von den Büffeln im Herbst einmal abgeweidet wird, stellenweise etwas dichterwüchsig und filzig, im südlichen, unteren Bereich mäßig nass, nach Norden hin leicht ansteigend, am Ende des Transektes mäßig feucht bis frisch. Stellenweise mit starker Dominanz von Ruchgras. Vegetationshöhe 30 – 60 cm, am Spätsommertermin nach der Mahd und kurzzeitigem Aufwuchs nur 10 – 20 cm. Deckungsgrad 90 – 100 %.

T9: Ähnlich T8, etwas magerer und stellenweise leicht ins mäßig Trockene übergehend. Vegetationshöhe 20 – 50 cm. Deckungsgrad 90 – 100 %.

T10: Krautarme Mähwiese, stärker gedüngt, feuchter als vorige und ohne Geländeanstieg, mit dominierende, Weidelgras. Vegetationshöhe 20 – 40 cm, im Juni nach vorheriger Mahd nur 10 cm. Deckungsgrad 95 – 100 %.

T 11: Mäßig magere, binsen- und hornkleereiche Feuchtwiese, für eine Mähwiese recht stark strukturiert (stellenweise mit alten Fahrspuren). Auch zum Spätsommertermin noch ungemäht und dann mit etwas verfilzter Krautschicht. Vegetationshöhe 40 – 60 cm. Deckungsgrad 90 – 100 %.

T12: Ähnlich T10, eintönige, eutrophe und grasreiche Mähwiese, mit dominierendem Honiggras. Zur Weide hin mäßig nass, nach Süden hin leicht ansteigend und feucht. Vegetationshöhe 20 – 50 cm. Im Juli nach vorausgegangener Mahd und nachfolgendem Aufwuchs nur 20 cm. Deckungsgrad 90-100 %.

3. Material und Methoden

3.1 Probetermine und Determination

Die Beprobungstermine wurden auf die Zeiten der Maxima adulter Tiere der drei wichtigsten Phänologietypen heimischer Zikaden gelegt, nämlich (i) Ende Mai/Anfang Juni (01.-02.06.2017 Frießnitz), für die Erfassung der frühen Arten, zumeist univoltine, aber auch bivoltine Larvalüberwinterer, (ii) zweite Julihälfte (23.-24.07.2017 Frießnitz), für die univoltinen, im Eistadium überwinternden Früh- und Hochsommerarten und (iii) Ende August (25.-26.8.2016 Frießnitz) für die Spätsommerarten, zumeist univoltine Ei- und Adultüberwinterer. Alle bivoltinen und auch die wenigen semivoltinen Arten werden an diesen drei Terminen in mehr oder weniger hohen Individuenzahlen im adulten oder zumindest larvalen Stadium mitgefangen, so dass eine solche Terminlegung i.d.R. die Erfassung des kompletten Artenspektrums der Zikaden in annähernd repräsentativen Abundanzen ermöglicht.
Die Larven wurden mit Ausnahme weniger Delphacidae bis einschließlich Stadium II oder III bestimmt (vgl. Stöckmann et al. 2013). In Fällen, in denen Larven oder auch Weibchen nur auf Gattungsniveau bestimmt werden konnten, erfolgte eine Zuordnung zu der auf dem jeweiligen Transekt oder auf ähnlichen Nachbarflächen dominierenden Art der betreffenden Gattung, um die Dominanzwerte nicht zu verfälschen. Dies kann im seltenen Einzelfall zu sehr geringfügigen taxonomischen Unschärfen führen, der Gewinn für die ökologischen Aussagen ist jedoch viel höher einzuschätzen, da ansonsten viele Individuen nicht in die Auswertung einfließen würden. Die Nomenklatur der Zikadenarten folgt Nickel & Remane (2002), Nickel (2010).

3.2 Kescherfänge

Unmittelbar vor den Saugterminen wurden zu allen drei Terminen bei trockener Witterung sämtliche Transekte abgegangen und jeweils eine Zikadenprobe von jeweils 50 Kescherschlägen entnommen. Der Kescher hatte eine D-förmige Öffnung mit einem Unterrand von 32 cm und einer Höhe von 30 cm; die Länge des Stiels betrug 80 cm. Die noch lebenden Tiere (einschließlich aller mit dem Auge erkennbaren Larven, i.d.R. einschließlich der Stadien II und III) wurden mit dem Exhaustor direkt aus dem (steifen) Netzbeutel entnommen und für die spätere Bearbeitung im Labor in Alkohol überführt.

3.3 Motorsaugfänge

Nach den Kescherfängen wurde die Zikadenfauna zusätzlich mit einem Laubsauger bzw. Saughäcksler der Firma Stihl vom Typ SH 85 beprobt. Das ca. 1 Meter lange Saugrohr dieses Gerätes hat einen Öffnungsdurchmesser von 11,5 cm. Darin wird ein Gaze-Beutel mit einer Maschenweite von 200 μm eingehängt, der die Tiere abfängt. Das Gerät erlaubt pro Aufsetzvorgang eine kleinflächige Besaugung von 103 cm2. Alle 12 bzw. 16 Transekte wurden pro Termin einmal abgeschritten, wobei der Motorsauger jeweils 25-mal für ca. fünf Sekunden aufgesetzt wurde, was pro Untersuchungsfläche und Transekt einem insgesamt abgesaugtem Areal von 0,26 (≈1 Viertel) qm entspricht. Der Fang wurde anschließend in eine weiße Kunststoffkiste geleert und die dann an den Seiten emporlaufenden und -springenden Zikaden aller Altersstadien, soweit mit dem bloßen Auge sichtbar (i.d.R. bis Stadium II oder III, mit dem Exhaustor entnommen und in Sammelgefäße mit 90 %-igem Ethanol überführt.

4. Ergebnisse und Diskussion

4.1 Gesamtfang

Im Frießnitzer Untersuchungsgebiet wurden insgesamt 125 Zikadenarten in 10.266 Individuen gefunden. Davon kamen auf den dort untersuchten 12 Transekten 62 Arten in 9.720 Individuen vor.

Tab. 1: Übersicht des Gesamtfanges und naturschutzfachliche Parameter der Zikadengemeinschaften der untersuchten Gebiete und Flächen im Vergleich. Parameter

 BüffelweideMähwiesen
Anzahl Probetransekte66
Artenzahl gesamt62 (81*)45
Mittlere Artenzahl pro Transekt28,721,7
Individuen gesamt4.748**4.972
Mittlere Individuenzahl pro Transekt791828,7
SOEP-Wert***6/2/1/13/3/2/2

4.2 Dominanzverhältnisse

Besonders ungünstig fällt sofort die ungleichmäßige Verteilung auf den Frießnitzer Mähwiesen auf: Der in ganz Mitteleuropa weit verbreitete und überall im Grasland häufige Wiesenbewohner Arthaldeus pascuellus stellt allein 42 % der Gesamtindividuenzahl. Keine der 10 häufigsten Arten dort ist gefährdet, erst die 16. und die 19. Art, Dicranotropis divergens und Florodelphax leptosoma, sind Rote-Liste-Arten (beide Kategorie 3, gefährdet), beide zusammen aber mit nur 1 % der Gesamtindividuenzahl.
Bei der Frießnitzer Büffelweide ist die Situation günstiger, da die Dominanzkurve im linken Teil des Diagramms, also bei den häufigsten Arten, viel stärker abgeflacht ist. Auf den Büffelweiden stehen bereits 3 der 10 häufigsten Arten auf der Vorwarnliste, unter den 10 nächsthäufigen Arten stehen jeweils 2 weitere auf der Vorwarnliste und in der Gefährdungskategorie 3 („gefährdet“). Auffällig ist auch, dass unter den 10 häufigsten Arten mit Ausnahme des eurytopen Arthaldeus pascuellus alle hygrophil sind.
Tab. 1 zeigt, dass die Büffelweide aus Naturschutzsicht mit einem Wert von 6/2/1/1 (also 6 Stenotopen, 2 Oligotopen, 1 Eurytopen und nur 1 Pionierart) mit Abstand am günstigsten zu bewerten ist. Deutlich ungünstiger liegt der Wert der Frießnitzer Mähwiesen mit nur 3/3/2/2. D.h. also, dass die Frießnitzer Büffelweide viel mehr spezialisierten und für den Artenschutz bedeutsamen Zikadenarten Lebensraum bietet als die Mähwiesen.
Festhalten lässt sich hier also jetzt schon, dass in Frießnitz die Büffelweiden aus Sicht der Zikadenfauna deutlich höherwertiger als die Mähwiesen sind.

4.3 Die Gebiete und Einzelflächen im Vergleich

Naturschutzrelevante Parameter der Zikadengemeinschaften in den beiden Gebieten und den Pflegevarianten sind Tab. 1 zu entnehmen. Dabei gilt wiederum die schon eben gemachte Einschränkung, dass zwar die Frießnitzer Büffelweiden mit den Frießnitzer Mähwiesen direkt vergleichbar sind und bereits jetzt eine Bewertung aus zoologischer Sicht erlauben.
Bei der Gesamtartenzahl liegen die Frießnitzer Büffelweiden mit 62 Arten um rund 50 % höher als die Frießnitzer Mähwiesen. Ähnliches gilt für die mittlere Artenzahl pro Transekt.
Die mittleren Individuenzahlen pro Transekt unterscheiden sich kaum voneinander, zumal hier auch von stärkeren jährlichen Schwankungen auszugehen ist. Zumindest fällt auf, dass sie auf den Mähwiesen die höchsten Werte erreichen. Lässt man aber die dort häufigste Art Arthaldeus pascuellus unberücksichtigt, sinkt der Wert unter den der Büffelweiden. Die starke Dominanz einzelner Insektenarten kann auf Ökosystemebene zu einem saisonal stärker schwankenden und damit weniger konstanten Nahrungsangebot für Wirbeltiere führen. Generell ist aber schon das Mahdereignis selbst mit einer hohen Mortalität bei den Insekten und anderen Tiere verbunden, nach Humbert et al. (2009) erreicht diese quer durch verschiedenste Tiergruppen von 5-80 % pro Schnitt.

4.4 Vergleich der Rote-Liste-Arten

Es zeigt sich hinsichtlich der Artenzahl, dass die nur dreijährige Frießnitzer Büffelweide den benachbarten Mähwiesen in allen Parametern um rund den Faktor 3 überlegen ist: Rote-Liste-Arten gesamt 23 vs. 7; mittlere Anzahl Rote-Liste-Arten pro Transekt 8,5 vs. 2,2; Anzahl Rote-Liste-Arten nur harte Kategorien 12 vs. 4; mittlere Anzahl Rote-Liste-Arten harte Kategorien pro Transekt 3,5 vs. 1,2.
Für die Frießnitzer Mähwiesen kommt noch die Unsicherheit hinzu, ob die Mähwiese 11 nicht aufgrund stärkerer Verbrachungs- und Ruderalisierungsmerkmale tatsächlich eine unter dem derzeitigen Mahdregime verarmende frühere Weide oder Brache ist. Dafür sprechen die nur dort festgestellten Vorkommen mehrerer ansonsten typischer Weidespezialisten (besonders Cosmotettix caudatus, Kelisia monoceros) und der Brachezeiger Delphacodes venosus. Der Verfasser geht davon aus, dass keine dieser drei Arten (und vmtl. auch einige weitere Arten) die Pflege-mahd noch lange überstehen wird; eine Folgeuntersuchung in 5-10 Jahren müsste dies zeigen.
Von den insgesamt nur 4 Arten mit Schwerpunkt auf den Frießnitzer Mähwiesen ist nur Megadelphax sordidula, die Haferspornzikade, eine typische (Extensiv-)Wiesenart, da sie monophag an Glatthafer (Arrhenatherum elatius) lebt. Kelisia monoceros ist deutschlandweit viel stärker mit Weiden und Ruderalstandorten assoziiert als mit Wiesen (Nickel 2003), Dicranotropis divergens und Florodelphax leptosoma sind tatsächlich (nur noch stellenweise häufige) Besiedler von beweidetem wie auch gemähtem Extensivgrasland (z.B. Bückle 2005, Leising 1977, Nickel 2003).
Noch größer ist der Unterschied zwischen den Gebieten und Pflegevarianten bei Betrachtung der Individuenzahlen der Rote-Liste-Arten (einschl. Arten Vorwarnliste). Hier ist die Frießnitzer Büffelweide den Mähwiesen um den Faktor 16 überlegen. In Zeiten des Insektenschwundes ist davon auszugehen, dass die meisten dieser Arten früher auf den Frießnitzer Mähwiesen häufiger waren. Der hier gemachte direkte Vergleich lässt vermuten, dass die Bewirtschaftung der Hauptfaktor für den Rückgang ist, zumal die negative Reaktion vieler Insekten auf die Mahd in ausführlichen Literatur-Reviews dokumentiert ist (Humbert et al. 2009, Van de Poel & Zehm 2015).

4.5 Vergleich der Büffelweiden und der Mähwiesen bei Frießnitz

Aufgrund identischer Beprobung erlauben die Frießnitzer Daten einen direkten Vergleich der Büffelweide mit den Mähwiesen. Wie im vorigen Kapitel bereits erwähnt, sind die Weidetransekte in allen ermittelten Parametern als deutlich günstiger für den Artenschutz zu beurteilen. So ist die Summe der Rote-Liste-Arten aller Transekte auf der Büffelweide mehr als dreimal so hoch wie auf den Mähwiesen, ihre mittlere Artenzahl pro Transekt 4-mal so hoch. Ihre Individuenzahlen liegen sogar insgesamt und im Mittel pro Transekt 16-mal höher.
An Differenzialarten, also solchen Arten, welche nur mit einer der beiden Pflegevarianten assoziiert sind, wurden auf den Weiden 20 gefunden, auf den Pflegewiesen hingegen nur 4. Dabei handelt es sich bei den ersteren, die hier als Mahdflüchter bezeichnet werden sollen, fast ausnahmslos um Besiedler von Großseggen, Schilf und anderen Hochgräsern, die auch aus der Literatur als solche bekannt sind (z.B. Schiemenz 1987, 1988; Schiemenz et al. 1996; Nickel et al. 2002; Nickel 2003). Als weitere Art tritt mit Macrosteles horvathi ein Pionierbesiedler nasser Binsenfluren auf, der typisch ist für extensiv betretene Ufer. Unter den Differenzialarten der Weiden finden sich auch fast alle Arten der Gefährdungskategorien 1 und 2, mit Ausnahme von Cosmotettix caudatus (Fl.), der noch gesondert zu diskutieren wäre (s.u.).
Die insgesamt 4 festgestellten Differenzialarten der Wiesen sind bei näherer Betrachtung allenfalls auf regionaler Ebene auch tatsächlich als spezifisch für Mähwiesen einzustufen. So ist Dicranotropis divergens sogar eine ausgesprochen typische Art der extensiven Bergweiden montaner bis alpine Lagen, die auf den Frießnitzer Flächen vermutlich nur wegen der trockeneren Verhältnisse auf den durchweg höher gelegenen Mähwiesen beschränkt ist. Ähnliches gilt für Kelisia monoceros, die staunasse bis wechselfeuchte, gerne vom Vieh betretene Bereiche auf Schaf- und Rinderweiden bevorzugt. Florodelphax leptosoma (Fl.) kommt andernorts, z.B. um Crawinkel (Nickel 2014), auch auf Rinderweiden vor und wird dort über das Verschmähen ihrer Wirtspflanzen (Juncus spp.) durch die extensive Beweidung zumeist gefördert. Die einzige typische und auch weitenteils spezifische Mähwiesenart im Gebiet ist die monophag an dem typischen Mähwiesengras Arrhenatherum elatius (Glatthafer) lebende Megadelphax sordidula (Stål), die ihren Vorkommensschwerpunkt sogar in zweischürigen Wiesen hat. Allerdings hat sich auch hier gezeigt, dass sie eine nur extensive Beweidung erträgt.
Diese insgesamt schlechte Bilanz der Pflegemahd fiele vermutlich noch schlechter aus, würde man die Vergangenheit der Mähwiese 11 stärker beleuchten. Bereits auf dem Luftbild fällt hier eine farbliche Diversität auf, die sie von den benachbarten Bereichen abhebt. Dies wäre z.B. durch eine ehemalige Beweidung zu erklären, aber auch durch die dort vorherrschende größere Feuchte, die eingetiefte und wechselnasse Fahrspuren mit stärkeren Verbrachungs- und Ruderalisierungsmerkmalen entstehen ließ, welche wiederum einigen mahdflüchtenden Zikadenarten Rückzugs- und Lebensraum bieten. Dafür sprechen die nur hier festgestellten Vorkommen mehrerer ansonsten typischer Weidespezialisten (besonders Cosmotettix caudatus, Kelisia monoceros) und der (derzeit ungefährdete und daher in Tab. 3 nicht enthaltene) Brachezeiger Delphacodes venosus. Der Verfasser geht davon aus, dass diese drei Arten (und vmtl. auch einige weitere Arten) unter der Pflegemahd zurückgehen oder sogar verschwinden werden; eine Folgeuntersuchung in 5-10 Jahren müsste dies zeigen.

4.6 Vergleich der Flächen anhand einer NMS-Ordinierung

Anhand einer NMS-Ordinierung nach McCune & Mefford (2011) soll gezeigt werden, ob eine Auftrennung der bisher unterschiedlich bewirtschafteten Flächen anhand ihrer Zikadenfauna möglich ist. In diesem Rechenverfahren werden die Artengemeinschaften jeder Einzelfläche und die Unterschiede zwischen ihnen zu einer multidimensionalen Punktwolke verrechnet und in einem Diagramm als Polygon dargestellt, wobei die Nähe der einzelnen Punkte zueinander die Ähnlichkeit ihrer Artengemeinschaften zeigt.
Mit Hilfe dieses Verfahrens ist es also z.B. möglich, für das Frießnitzer Gebiet aufzuzeigen, ob es nach den drei Jahren schon Effekte der Büffelbeweidung gibt und ob diese andere Zikadengemeinschaften fördert als die Mähwiese. Außerdem können Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Gemeinschaften auf regionaler Ebene dargestellt werden. Die Darstellung in Abb. 12 ist hier folgendermaßen zu interpretieren:

i > Die Frießnitzer und Esperstedter Flächen bzw. ihre Zikadengemeinschaften bilden zwei räumlich komplett getrennte Punktwolken, haben also nur geringe Ähnlichkeiten. Allerdings ist in beiden Gebieten ein von rechts unten nach links oben verlaufender Extensivierungsgradient zu erkennen.

ii > In Frießnitz unterscheiden sich die Büffelweiden und die Mähwiesen hinsichtlich ihrer Zikadengemeinschaften schon nach drei Jahren Beweidung erheblich und bilden zwei völlig separate Punktwolken ohne Überlappung. Dabei liegen die Mähwiesen näher am intensiven Ende des eingezeichneten Gradienten, die Büffelweiden näher am extensiven. Hierdurch wird einmal mehr die starke Auswirkung der Faktoren Mahd und Beweidung demonstriert. Die aus verschiedenen Gründen (u.a. durch das typische Rinderweidenrelikt Cosmotettix caudatus) aus dem Rahmen fallende Mähwiese FM 11 nimmt eine Zwischenstellung ein, was auf eine noch nicht lange in der Vergangenheit zurückliegende Beweidung schließen lassen könnte.

4.7 Bemerkenswerte und besonders gefährdete Arten

Näher vorgestellt werden sollen hier – in alphabetischer Reihenfolge – Arten, welche mindestens in einer der verwendeten Roten Listen der Zikaden, also Deutschlands (Nickel et al. 2016a) oder Thüringens (Nickel & Sander 2011) als stark gefährdet (Kategorie 2) oder als vom Aussterben bedroht (Kategorie 1) eingestuft sind, außerdem die bemerkenswerte Art Calligypona reyi. Die Angaben zur Verbreitung und Ökologie stammen zum größten Teil von Nickel (2003) und aus der Datenbank Nickel, in einigen Fällen ergänzt durch neuere Literatur.

Calligypona reyi (Simsenspornzikade) RL 3 Deutschland, 3 Thüringen
V.a. E VI – M IX, zumindest in manchen Jahren ab M V; Larvalüberwinterer, 1-2 Generationen.
Zumeist an permanent überfluteten, selten auch zeitweise trockenfallenden Standorten an Süßwasser oder leicht salzigem, zumeist stehenden, selten auch langsam fließenden Wasser. An See- und Teichufern, in Abbaugruben, Salzsümpfen, Gartenteichen und sogar in Pflanztöpfen. Wirtspflanzen sind Teichbinsenarten (bisher Schoenoplectus lacustris und Sch. tabernaemontani). Bis vor kurzem in Deutschland nur von wenigen Stellen angegeben (v.a. im Küsten-bereich von Nord- und Ostsee sowie Umgebung von Waren a.d. Müritz, Leipzig, Gera und Frankfurt/Main). Doch ist die Art in den Tief- und Mittelgebirgslagen (bis mind. 730 m ü.NN) weit, wenn auch nur lückig verbreitet. Auch wenn kleinräumig höhere Dichten erreicht werden können, sind die Vorkommen zumeist nur sehr kleinflächig und langfristig durch Eutrophierung und Gewässerverbau gefährdet.
In Thüringen ist die Art bisher nur vom (vmtl. der SDAG Wismut zum Opfer gefallenen) Rußdorfer Teich bei Ronneburg publiziert. Außerdem existieren jüngere Nachweise von Pennewitz, Gehren, Haßleben, Herbsleben und Waltershausen (Datenbank Nickel). Vom Transekt 6 auf der Frießnitzer Büffelweide liegt nun der 6. aktuelle Thüringer Fundort vor. Auch hier gilt, dass die Art eine Pflegemahd nicht tolerieren und schon nach wenigen Schnitten verschwinden würde. Da die Hauptwirtspflanze Schoenoplectus lacustris durch die Büffelbeweidung gefördert wird (M. Jessat, persönliche Mitteilung), ist auch von einer Förderung der daran leben-den Zikaden auszugehen.

Cosmotettix caudatus (Diademzirpe) RL 2 Deutschland, 2 Thüringen
Adulte von Anfang Juni bis mindestens Anfang September; Eiüberwinterer, 1 Generation.
An Carex hirta auf wechselfeuchten bis nassen, meist mäßig eutrophe, oft gestörte Standorte verschiedenster Substrate, v.a. Brachen, Graben- und Wegränder und extensiv genutzte Rinderweiden. Die letzteren stellen vermutlich den ursprünglichen Lebensraum dar; und die Art ist wahrscheinlich als Weiderelikt zu deuten. In Deutschland nur in geringer Frequenz an der Wirtspflanze und offenbar am Westrand des Areals. Derzeit bekannte Grenzvorkommen liegen auf Wangerooge, bei Köln, Göttingen, Marburg, Schweinfurt, Aalen, Tübingen und Ravensburg, in Höhenlagen bis mind. 900m ü.NN. Isoliert erscheinende Fundorte liegen auch in England, Luxemburg, dem westlichen Frankreich, der Schweiz und Tschechien, es gibt aber keine Angaben aus Belgien, den Niederlanden, Österreich und Polen. Einige ältere Angaben, besonders solche aus Moorgebieten, könnten sich auf den bisher in Mitteleuropa übersehenen Cosmotettix evanescens Oss. beziehen.
Aus Thüringen ist bisher nur ein einziger Fund publiziert, und zwar aus dem Alperstedter Ried (Schiemenz et al. 1987). Dort wurde die Art jüngst in einzelnen Individuen wiedergefunden, außerdem im Haßlebener Ried (Nickel 2016). Erfreulicherweise wurde sie gleich auf 3 Frießnitzer Transekten gefangen, und zwar 1 einzelne Larve auf der Büffelweide (Transekt 3), sowie 2 Larven plus 1 Adultus und 5 Larven auf den Mähwiesen (Transekte 8 und 11). Die beiden letztgenannten Fundorte widersprechen zwar der o.g. Deutung der Art als Weiderelikt, doch wäre dies erklärbar auf Transekt 8 durch einen größeren Bestand der Wirtspflanze im unteren, weidenahen Bereich und auf Transekt 11 durch einen ungewöhnlich großen, von Traktorfahrspuren zerfurchten Bestand, der in diesem Falle quasi als „Trittsurrogat“ besiedelt wurde. Der Grund für das ungewöhnliche Vorkommen kann aber auch in einer früheren Beweidungsphase liegen, aus der die Art bis heute überlebt hat. Langfristig wird sie in Frießnitz mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer extensiven Beweidung mit Büffeln profitieren.

Cosmotettix costalis (Graue Seggenzirpe) RL 3 Deutschland, 2 Thüringen
M VI – A X, gelegentlich schon E V; Eiüberwinterer, 1 Generation.
In nassen bis anmoorigen, oligo- bis mesotrophen, meist unbeschatteten Standorten, v.a. in Niedermooren und Überschwemmungsmulden in Flussauen. Lebt an der Basis von ausläufer- und horstbildenden Seggen (Carex nigra, C. acuta, C. elata) und wird wegen bodennaher Lebensweise häufig übersehen. In Deutschland lebt die Art im Bereich ihrer Verbreitungssüdwestgrenze, nur zerstreut und in oft nur geringen Individuenzahlen, kommt aber wohl in allen Landesteilen vor. Grenzfundorte auf Borkum, bei Schleiden, Pirmasens, Crailsheim, Waldshut, Konstanz, Immenstadt (Allgäu) und Garmisch-Partenkirchen, in Höhen bis 1.000m ü.NN. Westlich und südlich dieser Linie sind bisher nur vereinzelte Funde aus Norfolk (England), der Umgebung von Wiltz (Luxemburg), Apeldoorn (Niederlande), Zürich (Schweiz) und Klagenfurt (Österreich) bekannt. In Frankreich ist die Art noch nicht nachgewiesen.
Auch diese Art ist in Thüringen selten. Publiziert ist ein älterer Fund bei Graitschen (Schiemenz et al. 1996), seitdem liegen noch unpublizierte Funde bei Günserode, Crawinkel (Muna) und Rohrberg vor (Datenbank Nickel). Umso erfreulicher waren die für die Art mit insgesamt 123 gefangenen Tieren ausgesprochen individuenreichen Vorkommen auf gleich 4 Transekten der Frießnitzer Büffelweide, wobei sowohl Carex elata wie auch C. acuta besiedelt werden. Sie scheint Mäh- und selbst Streuwiesen kategorisch zu meiden, was durch das Fehlen auf allen Frießnitzer Mahdtransekten bestätigt wird.

Delphacodes capnodes (Weißlippen-Spornzikade) RL 2 Deutschland, 1 Thüringen
Adulte Tiere ganzjährig, v.a. Ende August bis Ende Juni; Adultüberwinterer, 1 Generation.
In Zwischen- und Niedermooren, auch mit lichten Beständen von Birken oder Kiefern, gelegentlich auch in Großseggensümpfen, Röhrichten und mäßig salzbeeinflussten Standorten. Lebt bodennah und wird nur ungenügend erfasst; viele Nachweise stammen zudem nur von langflügeligen Einzeltieren. Nährpflanzen sind v.a. Eriophorum angustifolium, aber auch Seggen (meist wohl kleinwüchsigere Arten). Zumindest ein Teil der Populationen auf eutropheren Standorten besteht vermutlich überwiegend oder ausschließlich aus weiblichen Tieren, deren Biologie nur ungenügend bekannt ist. Eine Population aus Griechenland bestand aus pseudogamen, triploiden ♀♀, die aber auf die akustischen Signale von D.-capnodes-♂♂ aus den Niederlanden reagierten und von diesen auch befruchtet wurden, jedoch ohne ihr Genom weiterzugeben. In Deutschland tritt die Art nur selten und zerstreut auf; höchstgelegene Fundorte liegen auf nur 750m ü.NN.
In Thüringen ist die Art bisher nur von zwei Fundorten publiziert, und zwar aus dem Alperstedter Ried und von Frauenwald bei Ilmenau (Schiemenz 1973, 1987). Unpublizierte Funde liegen außerdem aus der Umgebung von Stadtilm von einem winzigen Quellmoor bei Hammersfeld (5.10.1995, 1 ♀, Datenbank Nickel) sowie aus dem Haßlebener Ried (Nickel 2016) vor. Umso überraschender waren gleich 3 Vorkommen kurzflügeliger, also sicher reproduzierender ♀♀ dieser seltenen Art auf der Büffelweide (Transekte 4, 5, 6). Auf den Mahdtransekten wurde hingegen nur ein einzelnes langflügeliges, also wohl umherfliegendes ♀ gefunden (Tansekte 11), außerdem konnten im Struthmoor sogar ♂♂ und Larven festgestellt werden. Bei den Tieren auf der Büffelweide könnte es sich mithin um eine parthenogenetische ♀♀-Population handeln.
Als „Filzbesiedler“ fehlt die Art generell auf Mähwiesen, erträgt jedoch extensive Rinderbeweidung. Selbst auf einschürigen Streuwiesen des bayerischen und schwäbischen Voralpen-landes kommt sie allenfalls nur in verbrachten Randstrukturen vor (Bucher et al. 2015, Nickel 2010b).

Metalimnus formosus (Schöne Marmorzirpe) RL 3 Deutschland, 2 Thüringen
E V – E X; Eiüberwinterer, 1 Generation, in den Tieflagen vielleicht 2.
In Großseggenbeständen nasser, zeitweise auch überfluteter, oft anmooriger Standorte, meist in Nieder- und Zwischenmooren, im Verlandungsbereich oligotropher bis mäßig eutrophe Seen und Teiche sowie auf Streuwiesen. Nährpflanzen sind hochwüchsige Carex-Arten, besonders C. acuta und C. elata, möglicherweise auch C. nigra. In Deutschland ist die Art zwar verbreitet, aber nur zerstreut, bisher v.a. bekannt nordöstlich der Linie Hamburg – Magdeburg – Gera sowie im Voralpengebiet bis in Höhen von mind. 900m ü.NN (in Nordtirol jedoch noch auf 1.500 m ü.NN gefunden), sonst nur vereinzelte Funde bei Stuttgart, Mainz, Friedberg und Schweinfurt; Angaben aus den Niederlanden und Frankreich lassen jedoch weitere Vorkommen in der Mitte und dem Westen vermuten.
Die Art wurde an allen drei Terminen mit insgesamt 13 Individuen auf der Frießnitzer Büffelweide auf Transekt 3 festgestellt, wo einige Tiere auch explizit an Carex acuta beobachtet wurden. Es handelt sich tatsächlich erst um den 2. Fundort für ganz Thüringen, der erste stammt von der vmtl. nicht mehr existenten Rußdorfer Teichwiese bei Ronneburg (Nicolaus 1957). Die Einstufung „nur“ in die Gefährdungskategorie 2 der Roten Liste Thüringens erfolgte vor dem Hintergrund der weiten Verbreitung der Hauptwirtspflanze Carex acuta und bedarf möglicherweise einer Korrektur in der nächsten Fassung. Zwar kommt die Art lokal auf spät gemähten Streuwiesen im Alpenvorland vor, dennoch lebt die Mehrzahl der bekannten Populationen an ungemähten Standorten. Eine Mahd auf der Frießnitzer Büffelweide wäre ihr vermutlich nicht zuträglich.

Paraliburnia clypealis (Braune Spornzikade) RL 2 Deutschland, Neufund Thüringen
E V – A IX; Larvalüberwinterer, 1 Generation., bei günstiger Witterung evtl. 2.
Eine vorwiegend in Nordeuropa verbreitete Art, die in Mitteleuropa nur von zerstreuten Funden in den Niederlanden, Tschechien und der Norddeutschen Tiefebene bekannt ist. Außerdem existieren isolierte Nachweise aus dem Harz und der Eifel (Clausthal-Zellerfeld, Bad Harz-burg, Schierke, Monschau, bis auf maximal 600m), Mittelhessen (Schweinsberg und Großenmoor, bis max. 300m) und Oberschwaben (Kisslegg, 650 m). Lebt auf nassen bis anmoorigen Standorten (v.a. Bruchwälder, Zwischen- und Niedermoore) an Calamagrostis canescens; sehr selten auch an C. phragmitoides. Wird wegen versteckter Lebensweise und geklumptem Vor-kommen vermutlich häufiger übersehen.
Am 2. Juni 2017 gelang auf der Struth-Wiese westsüdwestlich der Ortschaft Struth mit einem individuenreichen Fund (10 ♂♂, 13 ♀♀, 2 Larven) dieser im Mittelgebirgsraum sehr seltenen Art sogar ein Neufund für Thüringen. Interessanterweise hielten sich alle Tiere in einem bei der Pflegemahd „vergessenen“ Randbereich auf, wo sich ein Saum der mahdempfindlichen Wirtspflanze halten konnte. Bei künftigen Pflegemaßnahmen sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass dieser Saum erhalten bleibt. Allenfalls bei drohender Verbuschung sollten schmale Streifen gemäht werden, jedoch nie mehr als 10 % des Gesamtbestandes pro Jahr und nie tiefer als 20 cm. Dabei sollte im Folgejahr kontrolliert werden, ob sich an den gemähten Stellen das Gras regeneriert oder nicht.

Paralimnus lugens (Horv.) – Kaspische Schilfzirpe RL 1 Deutschland, Zweitfund Thüringen
Adulte bisher von Anfang Juli bis Ende August; Eiüberwinterer, 1 Generation.
In Deutschland anfangs verkannte und dort bisher nur von einem einzigen Fundort publizierte Art: Schwülme-Tal bei Adelebsen (Landkreis Göttingen), in einem großflächigen, alten Schilfbestand entlang eines Baches auf einem temporär trockenfallenden, relativ eutrophen Standort. Trotz folgender, umfangreicher Revisionen mitteleuropäischen Materials durch den Verfasser und Kollegen († R. Remane, S. Walter, R. Niedringhaus u.a.) konnte sie im Anschluss an den Erstfund nirgendwo sonst festgestellt werden (Nickel 2010). Doch konnte die Art über-raschenderweise kürzlich auf insgesamt 5 Transekten im Alperstedter und Haßlebener Ried bei Erfurt festgestellt werden (Nickel 2016). Die nächsten bekannten Vorkommen liegen in Finnland, Ungarn und Italien (Nickel 2010, s.a. Kunz et al. 2011). Für die isolierten Vorposten dieser vorwiegend in der Osthälfte Europas verbreiteten Art besitzt Deutschland nach der neuen Roten Liste eine besondere Verantwortlichkeit (Nickel et al. 2016a).
Auf Transekt 1 der Frießnitzer Büffelweide wurden am 23.7.2017 1 ♂ mit dem Motorsauger und 2 ♀♀ mit dem Kescher erfasst. Insgesamt handelte es sich hier sicherlich um die größte Überraschung im Rahmen dieser Studie und zugleich um den dritten Fund in ganz Deutschland und den zweiten in Thüringen. Wie bei den bisherigen Fundorten handelte es sich in Frießnitz um einen relativ trockenen, sicherlich seit längerer Zeit nicht mehr überfluteten Standort, wobei der Altschilfbestand durch die Büffel bereits sehr lückig gefressen war. Wegen des erst kürzlich erfolgten Neufundes ist P. lugens nicht in der Roten Liste der Zikaden Thüringens enthalten und wird hier vorläufig als „vom Aussterben bedroht“ (Kategorie 1) eingestuft, zumal Röhrichte in Thüringen seit vielen Jahren relativ gut untersucht sind und gerade auf relativ trockenen Standorten zumeist umgebrochen wurden oder keine historisch lange Kontinuität aufweisen.
Alle Paralimnus-Arten sind absolut mahdunverträglich, weil sie ihre Eier in den Schilfhalmen ablegen. Im Gegensatz dazu könnte eine extensive Beweidung P. lugens erhalten, weil sie eine weitere Sukzession zum Grauweidengebüsch und zum Erlenbruch verhindern kann. Allerdings müsste wahrscheinlich dauerhaft altes Röhricht stehen bleiben was im Rahmen eines Weidemanagements „Wilden Weide“ bei einer an der Tragekapazität orientierten Tierzahl und ausreichender Größe der Fläche (> 40 ha) gewährleistet ist.

Parapotes reticulatus (Horv.) – Scherenzirpe RL 1 Deutschland, 1 Thüringen
Adulte bisher von Mitte Juli bis Anfang Oktober; Eiüberwinterer, 1 Generation.
In Horsten von Schoenoplectus lacustris in Röhrichtgürteln an Teich- und Seeufern und Altwässern, selten auch in Salzsümpfen an Sch. tabernaemontani. Wegen Intensivierung der Teichwirtschaft und Eutrophierung gehen die Lebensräume dieser Art dramatisch zurück. Aus Deutschland existieren bisher nur insgesamt 9 Funde, alle in der Nordosthälfte und wahrscheinlich im Bereich der Verbreitungswestgrenze. Grenzfundorte bei Waren, Dannenberg, Bad Lauterberg, Ilmenau und Görlitz, in Höhenlagen bis 450m ü.NN. Außerdem ist die Art nur noch von wenigen Nachweisen aus Südschweden, Südfinnland, Polen, dem Burgenland, Ungarn, der Slowakei, Ex-Jugoslawien, Rumänien und Südrussland, Anatolien und dem Iran bekannt.
Am 23.7.2017 wurden 2 ♂♂, 1 Larve in den Beständen von Schoenoplectus lacustris im Bereich des Transektes 6 gestreift. Damit gelang der Fund eines nunmehr 5. Vorkommens in Thüringen und eines 10. Vorkommens in ganz Deutschland (Nickel 2003 und Datenbank). Wie für die meisten Röhrichtbesiedler ist eine Pflegemahd für diese Art destruktiv und dürfte sie innerhalb weniger Jahre ausrotten. Eine Beweidung wird vermutlich vertragen, allerdings nur, wenn die Besatzstärke gering ist. Dazu muss ausreichend Uferlinie pro Weidetier vorhanden sein, was auf der Frießnitzer Büffelweide gewährleistet scheint, zugleich aber weiterhin zu beobachten ist. Nach Auskunft von M. Jessat (Mauritianum Altenburg) hat sich Sch. lacustris im Landkreis Altenburg auf Büffelweiden nicht nur neu angesiedelt, sondern gerade im Bereich von Suhlen sogar größere Röhrichte bilden können.

5. Heuschrecken

5.1 Frießnitzer Büffelweide und Mähwiesen

Die Erfassung der Heuschrecken war nicht Vertragsgegenstand und erfolgte nur nebenbei, allerdings auf allen Flächen in gleicher Weise, so dass die Werte vergleichbar sind. Notiert wurden die im Kescher und in den Saugfängen auf den Transekten enthaltenen Individuen sowie die während des Aufenthaltes auf der Fläche beobachteten und gehörten (Tab. 6). Es wurde nicht gezielte gesucht und wegen starker taktiler Allergie des Bearbeiters gegen Heuschrecken (nach langer früherer Beschäftigung mit dieser Gruppe) nicht in der Hand nachbestimmt, so dass einige Feldheuschrecken-Arten unbestimmt bleiben mussten.
Grundsätzlich zeigte sich auf den Mähwiesen ein Phänomen, welches bei Heuschrecken in unserer heutigen Kulturlandschaft weitverbreitet ist, nämlich die Beschränkung vieler Populationen auf Randstrukturen, v.a. Wegränder, Feldraine und Gräben, die den Tieren als Rückzugs- bzw. Überlebensraum dienen, wenn Mahd, Schleppen, Walzen und andere Bearbeitungen der Wiese durchgeführt werden. Von dort aus dringen sie nach diesen Maßnahmen wieder in die Fläche vor, wo sie durchaus auch gerne an dem frisch nachwachsenden Gras fressen, wo sie sich aber nicht auf Dauer fortpflanzen können und beim nächsten Schnitt wieder Verluste erleiden. Das bedeutet, dass die Kernflächen unseres Mahdgrünlandes für manche Heuschreckenarten (und möglicherweise auch weitere Tiergruppen) vermutlich als ökologische Falle fungieren, in dem die abgelegten Eier oder die daraus schlüpfenden, noch wenig mobilen Juvenilstadien bei der nächsten Bearbeitung verloren gehen. Eine solche Konzentration von Heuschrecken auf die Ränder war besonders bei der Sumpfschrecke (Stethophyma grossum) und dem Weißrand-Grashüpfer (Chorthippus albomarginatus) zu beobachten, die auf mehreren Mähwiesen fast ausschließlich im büffelweidennahen Abschnitt des Transektes vorkamen. Bei der Sumpfschrecke wurden auch „knipsende“ ♂♂ festgestellt, die auf Besiedlungsversuche schließen lassen, die aber vermutlich beim nächsten Wiesenschnitt wieder scheitern dürften, denn sonst müsste ja die gesamte Fläche besiedelt sein.
Insgesamt wurden 11 Arten von Heuschrecken in 264 Individuen festgestellt, wobei eine gezielte Nachsuche in Transektnähe vermutlich zumindest noch einige Feldheuschreckenarten (Chorthippus parallelus, evtl. Ch. montanus, Omocestus viridulus) ergeben hätte. In Bezug auf alle naturschutzrelevanten Parameter waren die beweideten Flächen höherwertiger als die Pflegemahdflächen (Tab. 6), wobei die von der Büffelweide her randlich in die Wiesen eindringenden Individuen sogar mitgerechnet wurden und dadurch die Wiesen höherwertiger erscheinen lassen: Gesamtartenzahl: 10 vs. 6; mittlere Artenzahl pro Fläche 3,8 vs. 2,7; mittlere Individuenzahl pro Fläche 30,8 vs. 13,2; mittlere Anzahl Rote-Liste-Arten pro Fläche: 1,5 vs. 0,7; mittlere Individuenzahl an Rote-Liste-Arten pro Fläche: 26 vs. 2,5. Besonders bemerkenswert war das völlige Fehlen der Heuschrecken auf Fläche 8 und der Fund nur eines einzigen Individuums (Chorthippus albomarginatus) auf Fläche 9. Etwas detaillierter soll hier noch auf die Verteilung der gefährdeten Arten eingegangen werden.

Die Langflügelige Schwertschrecke (Conocephalus fuscus) kam nur in einem Einzelexemplar auf der Mähwiese 11 vor. Der Vorkommensschwerpunkt dieser Art liegt allgemein in feuchten bis mäßig trockenen Grasbeständen, im Vergleich mit der folgenden Art deutlich trockener und stärker an Süß- als an Sauergräsern. Mähwiesen werden im Allgemeinen gemieden, daher ist der erwähnte Fund entweder auf einen Einflieger oder auf eine im Bereich von eingetieften Fahrspuren kleinflächig überlebende Population zurückzuführen. Im letzteren Fall wären dann allerdings auf der Büffelweide ebenfalls Vorkommen zu erwarten. Die Einstufung in die Thüringer Rote Liste als gefährdet (RL 3; Köhler 2011) wäre aufgrund der gegenwärtigen Ausbreitung in ganz Deutschland nördlich des Maines aber zu hinterfragen.

Die Kurzflügelige Schwertschrecke (Conocephalus dorsalis) konnte in geringer Zahl auf 4 Weidetransekten, aber nirgends auf den Flachland-Mähwiesen, festgestellt werden. Wie die vorige Art legt sie ihre Eier relativ hoch in die Vegetation und toleriert daher Mahd nur in geringem Maß (vgl. Fartmann & Mattes 1997, Poschmann et al. 2009), was zugleich ihre Verteilung im Gebiet und ihren Ausschluss durch die Pflegemahd erklärt. Die Art ist laut bundesdeutscher Roter Liste (Maas et al. 2011) im Bergland als gefährdet einzustufen (RL 3).

Die weite Verbreitung und die hohen Individuenzahlen der Sumpfschrecke (Stethophyma grossum) im Gebiet waren sehr bemerkenswert. Die Art ist in Thüringen gefährdet (RL 3; Köhler 2011). Mit insgesamt 170 Individuen stellte sie über 64 %, also fast zwei Drittel aller festgestellten Heuschrecken und war mit großem Abstand die häufigste Art. Sie kam in größerer Zahl auf allen Transekten außer dem trockeneren T1 vor und war auch sonst in fast allen begangenen Bereichen auf der gesamten Büffelweide vertreten, wo demnach eine sehr große Population lebt. Die nasse, aber auch reliefierte Weide mit ihren großflächigen, aber wiederum vielerorts lückig gefressenen Großseggen- und Hochgrasbeständen mit eingestreutem niedrigwüchsigen Kurzgrasfluren scheint dem Optimalhabitat der Sumpfschrecke in idealer Weise zu entsprechen (z.B. Krause 1996, Malkus 1997, Marzelli 1997, Koschuh 2004). Nach den genannten Autoren benötigt die Art dauernd nasse, aber höchstens zeitweise überflutete Standorte mit abwechselnd hoch- und niedrigwüchsigen Seggen- und Süßgrasrasen. Sie kann auch auf Mähwiesen vorkommen, benötigt dort aber ungemähte Randbereiche und erleidet eine derzeit nicht ausreichend quantifizierte Mortalität. Im hier untersuchten Gebiet spricht das deutlich kleinere Vorkommen auf den Mähwiesen für einen nachhaltig negativen Mahdeffekt: Die Art wurde nur auf drei Mahdtransekten gefunden, und auch nur in deutlich geringerer Zahl. Von diesen drei Transekten waren zwei nur zum weidenahen Ende besiedelt, das dritte war das ohnehin schwierig zu interpretierende Transekt 11, das tiefe Fahrspuren aufwies, die möglicherweise als Refugium wärend der Mahd dienen konnten. Letzten Endes erlauben die Fangsummen auf den Wiesentransekten also keinen zwingenden Schluss auf eine dauerhafte und erfolgreiche Reproduktion. Angesichts nachgewiesener Heuschrecken-Mortalitätsraten von rund 80 % für einen einzigen Schnitt einschl. Aufbereitung und Einbringung des Mähgutes (Humbert et al. 2010), im Falle der Sumpfschrecke von 37 % nach einem einzigen Schnitt (Oppermann & Krismann 2001) ist im Gebiet davon auszugehen, dass die Pflegewiesen als ökologische Falle fungieren, welche permanent Sumpfschrecken und andere Arten aus der Büffelweide zum Fressen und zur Eiablage herauslocken, die aber dann bei der nächsten Mahd zu einem beträchtlichen Teil verloren gehen.
Insgesamt bestätigt also eine nähere Betrachtung der Rote-Liste-Arten der Heuschrecken die deutliche Höherwertigkeit der Büffelweide gegenüber den Mähwiesen, da ihre Bodenständigkeit auf den letzteren nicht gesichert ist oder weitgehend auf Randbereiche und Fahrspuren begrenzt ist. Höchst bemerkenswert für die Büffelweide ist das nahezu flächendeckende Vorkommen der in Thüringen gefährdeten Sumpfschrecke in hohen Dichten und in fast allen Bereichen.

6. Bemerkungen zur Avifauna (von Herbert Grimm und Herbert Nickel)

6.4 Aktuelle Beobachtungen auf der Frießnitzer Büffelweide

Auch hier waren die Vögel nicht Vertragsgegenstand und wurden nur beiläufig notiert. Dennoch gelang mit einer leider nicht mit letzter Sicherheit auf Artniveau bestimmten Kleinralle, bei der es sich wahrscheinlich um ein Zwergsumpfhuhn (Porzana pusilla) gehandelt hat, eine spektakuläre Beobachtung. Das Tier flog am 1.6.2017, ca. 19 Uhr aus einem überfluteten Hochgrasbestand mit Glyceria maxima und Phalaris arundinacea im Ostteil der Weide auf und fiel bereits wenige Meter entfernt wieder ein. Um eine mögliche Brut nicht zu stören, wurde die Stelle gleich wieder verlassen, ohne den Vogel erneut zwecks genauerer Artbestimmung aufzuscheuchen. Im nächsten Jahr soll eine Abendexkursion klären, ob und welche Kleinrallen zur Brutzeit anwesend sind. Zumindest sprechen die Umstände eher für das Zwergsumpfhuhn, was auch von S. Stübing (persönliche Mitteilung), der die Art von zumeist beweideten Standorten in Hessen kennt (Stübing & Werner 2011), bestätigt wurde.
Nach Mey (2010), der die Thüringer Beobachtungen und Nachweise der beiden Kleinrallenarten (also auch des Kleinen Sumpfhuhns, Porzana parva) revidiert hat, existieren für beide Arten Brutangaben, die jedoch über 100 Jahre zurückliegen und wo ebenfalls zumindest teilweise die genaue Artzugehörigkeit fraglich ist. Für die Frießnitzer Büffelweide wären aber beide Arten eine Sensation. Bemerkenswert waren außerdem noch mehrere Brutpaare Dohlen in Nistkästen an der Futterhalle, 2 Weißstörche auf der Nisthilfe an der Futterhalle am 24.7.2017 und ein kreisender Schwarzstorch am 25.8.2017.

7. Die Wirkung der Mahd auf die Zikaden und die Graslandfauna

Im Zuge des derzeit viel diskutierten Insekten- und auch Vogelschwundes (Hallmann et al. 2017, NABU 2017) wird vielfach auf die im Labor nachgewiesene Wirkung von Beizmitteln (mit den Wirkstoffen aus der Gruppe der Neonicotinoide) auf Honigbienen verwiesen. Dies ist aber kein Beweis dafür, dass diese Stoffe auch tatsächlich im Gelände oder gar in von den Ausbringungsorten entfernten Schutzgebieten den Insektenbestand reduzieren. Denn (i) Wildbienen sind wesentlich weniger mobil und fliegen nur kurze Strecken, (ii) die Ausbringungsorte der Pestizide sind fast immer Äcker, die für die allermeisten Insektenarten (mit Ausnahme weniger Schädlinge) ohnehin ungeeignet sind und von ihnen gemieden werden, (iii) und schließlich wird in dieser Diskussion die rein mechanische Störung des Offenlandes durch die immer häufiger und radikaler werdende Mahd ausgeblendet. In Kap. 5 wurde bereits die aus der Literatur bekannte Wirkung der Mahd auf die beiden gefährdeten Heuschreckenarten Stethophyma grossum und Conocephalus dorsalis dargestellt und diskutiert. Im Folgenden sollen die Graslandfauna und speziell auch die Zikaden im Hinblick auf Mahd und Extensivbeweidung diskutiert werden.
Zikaden als zumeist ausgesprochen flächenscharfe und stark an ihre Wirtspflanzen gebundene Insekten sind – wie auch in Kap. 4 wieder eindrucksvoll bestätigt werden konnte – sehr sensibel gegenüber der Mahd. Da sie eine der wenigen Gruppen sind, die während ihres gesamten Lebenszyklus (also auch in der Larvalphase) oberirdisch in Reichweite ihrer Fressfeinde sind, könnten Populationseinbrüche durch die Mahd weitreichende Auswirkungen auf ihre Fressfeinde und deren Nahrungsorganismen haben (die wiederum Zikaden fressen, z.B. Spinnen, Ameisen, räuberische Käfer), insbesondere auf Jungtiere von Vögeln, Reptilien und Amphibien. Durch den Schnitt wird nicht nur eine direkte Mortalität verursacht, sondern es wird auch ein beträchtlicher Teil der in den Pflanzen befindlichen Eigelege zerstört und das Mikroklima für mehrere Wochen, oft während sommerlicher Hitzeperioden, katastrophal verändert. Die Effekte sind vergleichbar mit denjenigen eines alljährlichen sommerlichen Kahlschlages auf Waldvögel (Morris 1981, Morris & Lakhani 1979, Nickel & Hildebrandt 2003, Nickel & Achtziger 2005, Nickel et al. 2016b). Der auf die Mahd folgende Flaschenhalseffekt auf das Nahrungsangebot für Vögel, Reptilien, Amphibien und besonders auch für deren Juvenilstadien, die mit der Mahd verbundene Planifizierung und Homogenisierung und nicht zuletzt der kategorische Ausschluss arten- und individuenreicher Gilden weiterer Arthropodengruppen (z.B. Koprophage, Besiedler großwüchsiger Disteln, Myrmekophile und weitere) könnte einer der Hauptfaktoren für die Biodiversitätskrise im mitteleuropäischen Grasland seit der flächendeckenden Aufgabe der Allmendweiden gegen Ende des 18. Jahrhunderts sein (Nickel 2016, Nickel et al. 2016b).
Ganz allgemein verursacht jeder einzelne Schnitt eine dramatische Mortalität von Graslandtieren (z.B. Morris & Lakhani 1979; Fluri et al. 2000; Oppermann & Krismann 2001; Wagner 2004), welche von Humbert et al. (2009) in einem umfangreichen Review quer durch zahlreiche Tiergruppen von den Reptilien bis hin zu den verschiedensten Insekten auf 4 % (Epicauta occidentalis, Ölkäfer) – 88 % (Dysdercus intermedius, Feuerwanze) pro Schnitt beziffert wird.
Im Gegensatz dazu begünstigt eine sachgerecht durchgeführte Extensivbeweidung die aller-meisten Arthropodengruppen (Schley & Leytem 2004, Zahn et al. 2007, 2010; Klink et al. 2015, Bucher et al. 2016, Nickel 2014) und fördert auch die Pflanzendiversität, einschl. einer Reihe von gefährdeten Arten (Barth et al. 2000, Lederbogen et al. 2001, Rosenthal et al. 2012, Schaich & Barthelmes 2012). Wenn eine Mahd nicht zu umgehen ist, sollten daher aus zikadologischer Sicht folgende Grundsätze berücksichtigt werden (in Reihenfolge ihrer Effizienz), wobei hier nicht die für die Zikaden untersuchten Mähwerkzeuge berücksichtigt sind:

(i) Das Mähwerk sollte möglichst hoch eingestellt werden (mind. 15-20 cm), um die Mortalität aller Tiergruppen zu reduzieren, das Mikroklima möglichst wenig zu beeinträchtigen, einen Puffer für sommerliche Austrocknungsphasen zu bieten und um möglichst wenig Gelege zu entfernen.

(ii) Belassen von zweijährigen Altgrasstreifen, die über die Fläche hinweg rotieren sollten. Sie sollten mindestens 20 %, wenn möglich 30 % oder mehr der Gesamtfläche einnehmen und jeweils räumlich benachbart liegen (wenn möglich sektorenweise).

(iii) Anlage von möglichst breiten Randstreifen entlang von Wegen, Gräben und Rainen, die ebenfalls höchstens alle 2 Jahre gemäht werden sollten (möglichst jährlich zur Hälfte in Longitudinalrichtung).

(iv) Von Jahr zu Jahr verschiedene Mahdtermine auf ein- und derselben Fläche, wie sie mancherorts zur Förderung bestimmter Pflanzenarten vorgeschlagen werden, sind aus zoologischer Sicht unbedingt zu vermeiden, da hierdurch sukzessiv und kumulativ Arten mit verschiedenen saisonalen Empfindlichkeiten ausgelöscht werden können und die gesamte Fauna verarmt.

(v) Die ganzjährige extensive Rinderweide mit Robustrassen (ggf. auch mit Pferden) sollte angesichts großer Erfolge für den Schutz nicht nur von Zikaden, sondern auch anderer Tier- und Pflanzengruppen in verschiedenen Teilen Deutschlands gefördert werden (Barth et al. 2000, Bunzel-Drüke et al. 2015, Rosenthal et al. 2012, Schley & Leytem 2004). Die Entwicklung solcher Flächen sollte in 5-10-jährigen Abständen mindestens anhand der Pflanzen, Zikaden, Vögel und (unbedingt!) Amphibien und Reptilien verfolgt werden.

Für die Amphibien sei hier noch auf die positiven Erfahrungen von Zahn & Niedermeier (2004) verwiesen, die speziell für Gelbbauchunke, Wechselkröte und Laubfrosch von positiven Erfahrungen bei der Offenhaltung der Laichgewässer durch extensive Rinderbeweidung in der Umgebung von Mühldorf am Inn berichten. Als positives Beispiel sei auch das auf rund 100 ha von Rindern extensiv beweidete und in Teilen wiedervernässte Bingenheimer Ried in Hessen erwähnt, von wo Eichelmann & Pfuhl (2011) Bestände von 4.000 – 6.000 adulten Knoblauchkröten, 1.000 rufenden Laubfröschen, je 20-30 rufenden Wechsel- und Kreuzkröten und 10.000 adulten Kammmolchen angeben. Auch die Vogelwelt hat sich hier außergewöhnlich entwickelt: Neben einem reichen Vorkommen der gängigen „Wiesenbrüter“ existieren hier auch Brutpopulationen von Tüpfelsumpfhuhn und – erstmalig wieder seit rund 100 Jahren in ganz Hessen – Zwergsumpfhuhn (Stübing & Werner 2011). Den aktuellen Stand zur Begünstigung der Herpetofauna durch extensive Beweidung haben Reisinger & Sollmann (2015) jüngst zusammengefasst.

8. Ausblick

8.1 Exkurs in die Geschichte der Bewirtschaftung des Graslandes

Um den Blick stärker auf die Landschafts- und Kulturgeschichte zu wenden, seien hier im Folgenden die detailreichen Ausführungen von Benecke (1994), Kapfer (2010a, 2010b), Körber-Grohne (1990), Lüning (2000), Poschlod et al. (2009) und Poschlod (2015) zusammengefasst. Demnach ist die heute auf den allermeisten Flächen praktizierte und sich technisch und in ihrer Häufigkeit immer mehr verschärfende Mahd in Mitteleuropa erst seit kaum 200 Jahren flächenmäßig von Bedeutung. Davor gab es dort über 7 Jahrtausende hinweg domestizierte Rinder, Pferde, Ziegen, Schafe und Schweine, wobei die Rinder vielerorts dominierten. Zum Fressen wurden die Tiere auf die Allmendweiden und in den Wald und sogar auf brachliegende Äcker getrieben. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war die (nicht immer extensive!) Rinderbeweidung daher besonders auf feuchten und weniger ertragreichen Standorten die vorherrschende Nutzungsform. Winterliche Laubheufütterung war verbreitet. Primitive Sicheln gab es zwar schon im Neolithikum und Sensen in der Eisenzeit, doch gibt es erst seit der Römischen Kaiserzeit eindeutige Hinweise auf Wiesen, die allerdings auf die römischen Siedlungen beschränkt gewesen sein dürften. Seit dem 12. Jahrhundert gibt es schriftliche Belege für die Anlage von Wässerwiesen. Das Heu diente aber noch lange Zeit nur als Winterfutter, und die Rinder standen im Sommerhalbjahr auf dem zugleich als Wiese und Weide genutzten Grünland und den Ackerbrachen. Detailreiche Beschreibungen dieser Allmend-Situation einschließlich ihrer sozioökonomischen Aspekte liegen z.B. vor von Schöller (1973) aus Mittelfranken. Für das altbayerische Donaumoos existieren sehr eindrückliche Schilderungen der durch die Not der Menschen und auch ihrer Tiere bedingten dramatischen Übernutzung der einstigen Niedermoore durch kommunale Rinderweide aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert, die sicherlich zumindest teilweise auf das damalige Königsauer Moos übertragbar sind (Konold 2008), siehe hierzu außerdem Lederbogen et al. (2004).
Diese Situation änderte sich tiefgreifend mit dem aufkommenden Futteranbau, v.a. von Leguminosen, wodurch erstmalig Stickstoff ins System eingebracht wurde, ohne dass gleichzeitig auf anderen Flächen eine Aushagerung erfolgen musste. Dadurch wurde es seitdem ausgehenden 18. Jahrhundert möglich, die Tiere auch im Sommer im Stall zu halten und den Mist gezielt für den Ackerbau zu sammeln. Das gesamte 19. Jahrhundert war dann geprägt von einer sich ausbreitenden Wiesenkultur, meist auf nassen Standorten, und einer weitreichenden und ganzjährigen Einstallung. Dabei galt der Grundsatz „Die Wiese ist des Ackers Mutter, mithin das Fundament der Landwirtschaft“: Das Heu der Wiese wurde an die Rinder im Stall verfüttert, der Dung auf die Felder gebracht und so die Ernteerträge gesteigert.
Als besondere Kulturform im Voralpengebiet entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Streuwiesen, weil nach dem Eisenbahnbau die Nahrungsmittel des Menschen angeliefert werden konnten, wodurch wiederum die Milchwirtschaft ausgeweitet werden konnte. Die Kühe standen nun bereits großenteils im Stall, so dass man zur Gewinnung von Mist dringend Einstreu brauchte. Daher wurden auf nassen Standorten durch Herbstmahd und sogar Bewässerung und Einsaat gezielt Großseggen und Pfeifengras gefördert, was z.T. sogar wissenschaftlich begleitet wurde (vgl. Poschlod 2015).
Bis dahin waren diese unterschiedlichen, durchweg anthropogenen Graslandformen meist mehr oder weniger artenreiche Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Mit der Mineraldüngung, Entwässerung, Flächenzusammenlegung, Mechanisierung und letztendlich Industrialisierung und Globalisierung der Landwirtschaft seit Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich trat ein enormer Artenrückgang ein, zum einen durch Umbruch großer Teile zum Acker, aber auch durch extreme Nutzungsintensivierung auf den verbleibenden, seitdem fast ausschließlich als Wiesen oder Intensivweiden genutzten Flächen.
Der Naturschutz muss sich seitdem – meist mit nur geringen Ressourcen – der verbliebenen Restflächen annehmen, um die schwindende und immer stärker isolierte Artenvielfalt zu konservieren, indem die „traditionellen“ Nutzungsformen in Form von Pflegemaßnahmen simuliert werden. Dabei orientiert er sich naturgemäß an den Praktiken, die vielen Akteuren noch aus ihrer Jugend bekannt sind und daher als „traditionell“ empfunden werden, nämlich der extensiven Wiesenmahd.
Dabei ist gerade das Verschwinden zahlreicher Großvogelarten aus fast ganz Mitteleuropa, wie z.B. Groß- und Zwergtrappe, Schlangen- und Schreiadler, Triel, aber auch die Würger-Arten, Blauracke, Wiedehopf, Steinkauz, Kampfläufer und vermutlich auch die Uferschnepfe, zeitlich mit der Aufteilung der Allmenden und der großflächigen Einführung der Mahd korreliert (Schulze-Hagen 2005, 2008). Für Thüringen hat Grimm (2004) anhand des Steinschmätzers eindrucksvoll diesen Landschaftswandel beschrieben. Die großen Weidegebiete Süd- und Osteuropas, die Extremadura, die Camargue, der Seewinkel und die Puszta Hortobágy, werden heute von zahlreichen Naturfreunden besucht, um diese bei uns ganz oder fast ganz ausgestorbenen Vogelarten zu beobachten, aber ohne dass sie zuhause die Forderung nach einer Wiedereinführung des ehemaligen Graslandmanagements zumindest auf Naturschutzflächen stellen.
Gegen diese paradoxe Situation wendet Kapfer (2010a) ein: „Über mehr als 98 % dieser Zeitspanne [der letzten 8.000 Jahre; Anm. des Autors] stellte die Beweidung, zunächst als ungeregelte und dann als geregelte Hutweide, vornehmlich mit Rindern, einen wesentlichen Bestandteil der Bewirtschaftung des Grünlands dar. Auch in der seit rund 1.200 bis 1.500 Jahren bestehenden Wiesenwirtschaft war die Hutweide bis ins 19. Jahrhundert in Form der Frühjahrsvor- und Herbstnachweide, teilweise auch der Sommernachweide, ein integraler Bestandteil.“ Aus diesen Befunden wird die Forderung abgeleitet, beim Management von artenreichem Grünland die großflächig extensive Beweidung insgesamt, bei der Erhaltung artenreicher Wiesen im Besonderen, stärker als bisher zu berücksichtigen.“
Nach Poschlod (2015) war „die Wanderschäferei der wahrscheinlich effektivste Biotopverbund in unserer Kulturlandschaft“. Ähnliches, wenn auch über nicht so weite Entfernungen, gilt vermutlich für die Rinderhaltung auf den früher weitläufigen Allmenden, weil die Tiere nicht nur auf den Dauerweiden standen, sondern zeitweise auch in den Wäldern, auf den Ackerbrachen und Wiesen, die meist nur während einer kurzen Phase im Sommer für das Vieh „gebannt“ waren. Heute jedoch sind die Populationen zahlreicher seltener Arten räumlich und genetisch voneinander isoliert. Pionierarten finden auf den Mähwiesen keine Keimstätten mehr. Die in der Vertikalen stark homogenisierten Rasen auf gleichförmig eingeebneten Flächen bieten nur noch einer überregional weitgehend homogenen Artengarnitur Lebensraum. Eine Stärkung der extensiven Rinderhaltung könnte dieser Entwicklung wieder entgegenwirken.
Die Forderung nach Abkehr von der Pflegemahd hin zu mehr Extensivbeweidung findet in-zwischen immer stärker Eingang ins Naturschutzmanagement (z.B. Bunzel-Drüke et al. 2008, 2015). Ein großes Problem vor Ort ist dabei allerdings häufig die räumliche Isolation und geringe Größe hochwertiger Flächen und die Schwierigkeit, entsprechend große und auch zusammenhängende Flächen für Beweidungsprojekte zu bekommen.

8.2 Vorschläge für Folgeuntersuchungen

Die Kombination bestimmter strategischer Merkmale der Zikaden, insbesondere die Unterscheidbarkeit vagiler und mobiler Arten, ihre Wirtspflanzenspezifität und ihre dadurch bedingte Flächenschärfe, ihr Arten- und Individuenreichtum und nicht zuletzt ihre große funktionelle Bedeutung im Ökosystem, machen die Zikaden zu einer hervorragenden, für alle oberirdischen Insektengruppen repräsentativen Modellgruppe für landschaftsökologische Untersuchungen und Erfolgskontrollen von Renaturierungs- und Pflegemaßnahmen. Basierend auf den hier präsentierten Erstaufnahmen können für die Folgeuntersuchungen folgende Fragen angegangen werden:

(i) Wie ändern sich mit einsetzender und fortdauernder Beweidung die wesentlichen naturschutzrelevanten Parameter der Zikadengemeinschaften der Einzelflächen, insbesondere Artenzahlen, Individuendichten, Anzahl gefährdeter Arten, Anzahl von spezialisierten Arten?

(ii) Wie ändern sich die Bestände der naturschutzrelevanten Arten (Arten der Roten Liste)? Sind für ihren Erhalt gegebenenfalls besondere Maßnahmen erforderlich wie z.B. temporäre Auszäunungen?

(iii) Wie ändern sich die Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede zwischen den Einzelflächen? Oder anders gefragt: Diversifizieren die Weidetiere die Insektenfauna der Transekte auf regionaler Skala oder vereinheitlichen sie sie?

(iv) Wie sind solche möglichen Veränderungen zu deuten im Hinblick auf die Rolle der Zikaden und anderer Insekten als wichtige Nahrungsgrundlage für Vögel (Wiesenbrüter u.a.), Fledermäuse, Amphibien, Spinnen und andere Tiergruppen?

(v) Wie ändert sich die Zikadengemeinschaft der Mähwiesen? Führt die alljährliche Mortalität durch den Schnitt zu einer allmählichen Verarmung oder stabilisiert sie sich?

(vi) Unterscheiden sich die Reaktionen der Zikaden von denen der Pflanzen?

Dabei sollten die Transekte möglichst nach jeweils 5-7, allerspätestens nach 10 Jahren erneut untersucht werden, um die mit der Beweidung einsetzende Dynamik zu erfassen. Günstig wäre auch ihre floristische Dokumentation.

Danksagung

Diese Untersuchung wurde finanziert vom Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Natur-schutz (TMUEN) und vom Landkreis Greiz. Edgar Reisinger und Andreas Martius initiierten und betreuten das Projekt. Norbert Strache (Harth-Pöllnitz) erlaubte das Betreten der Frießnitzer Weide und lieferte Informationen zur Büffelherde und zur haltung. René Sollmann (Jena) erstellte die Karten. Dr. Roland Achtziger (Freiberg) übernahm die NMS-Berechnung. Dr. Janna Lehmann (Gleichen) und Lorenz Ritzel (Göttingen) unterstützten mich bei den Geländearbeiten. Gernot Kunz (Graz) stellte Zikadenfotos zur Verfügung. Das Kiebitzfoto auf dem Deckblatt stammt von Dr. Christoph Unger (Hildburghausen). Stefan Stübing (Bad Nauheim) übermittelte Informationen zur Habitatwahl des Zwergsumpfhuhns in Hessen.

Ihnen allen sei hier herzlich gedankt.

Zoologische Erfolgskontrollen auf Wilden Weiden in Thüringen

Gemeine Blutzikade (Cercopis vulnerata) © Foto: Lutz Wolfram

Erstaufnahme der Zikaden im Esperstedter Ried und Vergleich der Wasserbüffelweide und der Mähwiesen am Frießnitzer See, mit Bemerkungen zu den Vögeln und Heuschrecken – PDF-Datei (7 MB)